Zur Abstimmung vom kommenden Sonntag.
Ich habe ein kleines Bastelprojektchen vorgenommen: Habe die Plakate für ein Ja zur Abtreibung-selber-bezahlen-Initiative überklebt.
Ich bin mir bewusst, worum es den Initiant_innen tatsächlich geht: Frauen (das sind für diese Leute schlichtweg Menschen mit Gebärmüttern), die mit Männern (was anderes kommt ihnen ja eh gar nicht in den Sinn) sexuell aktiv sind zu beschämen und grundsätzlich über weibliche Körper zu entscheiden, letzlich auch darum "Frauen" zu Müttern zu machen, womit sie wiederum verknüpfen, dass "die Frau" dann kontrollierbar wird. und so weiter und so fort, bla, bla, langweilt mich. Ich mag das grad nicht in aller Ausführlichkeit schon wieder durechätsche.
Und die Zeitung "vorwärts" hat sich die Mühe gemacht, mit Argumenten auf den Schwachsinn einzugehen - danke dafür!!, da könnt ihr also gerne nachlesen, warum unbedingt ein Nein eingelegt werden muss am Sonntag:
Im Artikel führen die "vorwärts"-Menschen zwei Dinge an, die in dieser Initiative zusammenkommen:
1. die religiösen/ frauen*feindlichen/ heteronormativen/ rassistischen Argumente (schaut euch die schöne Weisse Mami-Papi-2 Kinder-Familie an, ist doch reizend), die immer die Grundlage der Anti-Abtreibungsdebatte bilden
- mit denen ich mich eben im Moment nicht auseinandersetzen mag, weil sie immer gleich und immer zum Kotzen sind und die Anti-Abtreibler eh nicht auf irgendwelche Diskussionen aus sind und meine Energie grad woanders benötigt wird (z.B. für die Lesungen, die ich plane, für die Vorbereitung aufs neue Semster, für die Auseinandersetzung mit Menschen, die tatsächlich ein Interesse an meiner Person haben, fürs Webserien schauen und fürs in der Sonne sitzen, Kaffeetrinken usw.) -
2. die neoliberalen Anti-Solidaritäts-Idee
Diese nutzen die Initiant_innen als Verschleierung der unter 1. angeführten Argumente, da mit jenen glücklicherweise momentan in der Schweiz keine Abstimmung gewonnen werden kann. Deshalb appelliert die Kampagne auch nicht offiziell an "Werte", sondern ans Portemonnaie.
"Ich will doch keine Abtreibungen mitfinanzieren wollen" steht da. Wenn mensch das nun ernst nimmt (und damit so tut, als würde mensch diese Argumentation als Hauptanliegen der Initiative glauben) heisst das, dass Menschen, die keine Abtreibungen brauchen, sich nicht an den Kosten derjenigen beteiligen wollen, die tatsächlich eine brauchen. Aha.
Da stellen sich doch einige Fragen: A) es gibt noch viele Dinge, die ich persönlich nicht brauche, die aber andere brauchen und für die deswegen die Gemeinschaft aufzukommen hat, da sie dringend benötigt werden. Dabei geht es vor allem um medizinische Notwendigkeiten, wie es eine Abtreibung ist.
Also stelle mensch sich vor: Ich gehe Bergsteigen, breche mir den Arm, danach brauche ich eine Operation und einen Gips und mehrere Nachbehandlungen. Doch die Krankenkasse zahlt nicht, weil alle anderen keinen Bock haben, sich an meiner Gesundheit finanziell zu beteiligen. Kommt noch dazu: Ich habe das Risiko ja gesucht, schliesslich war ich Bergsteigen, also: selber Schuld!! Streichen wir doch grundsätzlich den Solidaritätsgedanken, jede_r bezahlt nur noch für sich selber - muss mensch halt schauen, nicht krank zu werden ohne ausreichend finanziellen Mitteln, sonst ists dann halt Pech.
und alles, was ich sicherlich nie brauchen werde, das will ich nicht mitfinanzieren und wenn es meinen Mitmenschen noch so hilft und wichtig ist für sie:
B) sogar wenn ich in dieser abstrusen Argumentation bleibe - sie geht noch nicht mal auf. Wird eine benötigte Abtreibung nicht bezahlt und somit eine Frau* dazu gezwungen, einen Fötus auszutragen, ergibt es viel grössere Folgekosten, als die einmaligen meist geringen Kosten (die meisten Abtreibungen werden ambulant mittels Einnahme von Medikamenten, sprich ohne operativen Eingriff vorgenommen). Und meine (rhetorische) Frage an die Initiant_innen/ Initiativbeantworter_innen: Wollt ihr diese Kosten dann übernehmen? Oder hörts da dann wieder auf, wie es der Mutter* geht, das ist euch ja eh scheissegal, aber sogar wenn dann ein Kind da ist, ist es plötzlich nicht mehr in eurer Verantwortung dafür zu sorgen, dass es aufwachsen kann:
mühsame Sache, dass wir soziale Wesen sind, die sich gegenseitig helfen müssen. Es wäre viel bequemer, jene in Not einfach da zu belassen, vor allem dann, wenn ich mich auf der sicheren Seite wähne, dass ich selber nie (diese konkrete) Hilfe brauchen werde.
Ja.. soviel dazu.
Ich schliesse mit den Worten einer Freundin, die die neoliberale Anti-Abtreibungs-Idee folgendermassen zusammengefasst hat: Für Schlampen (die ungewollt Schwangeren) und Psychos (alle Beteiligten, die Folgeschäden von erzwungenen ausgetragenen Schwangerschaften davontragen - allen voran die Kinder, die die Föten dann sind) zahle ich nicht. Denn mit denen kann ich mich nicht identifizieren.
(Aber vorschreiben, was sie zu tun haben, will ich ihnen natürlich allemal.)
Naja, ich kann mich mit Menschen in Notsituationen und mit sexuell aktiven Frauen, sowie mit Menschen, die wenig Geld haben und auf Unterstützung bei medizinischen Eingriffen angewiesen sind, sehr gut identifizieren. Aber auch wenn ich es nicht so unmittelbar könnte, es gibt schlichtweg niemals einen validen Grund aus eigennützigen Motiven heraus auf Solidarität zu verzichten und sogar andere dazu anzustiften, nicht solidarisch zu sein.
Nope.
Ich war gestern Abend im Kino und habe mir den Film Virginity Tales von Mirjam von Arx
angeschaut, hier für alle den Trailer:
falls jemand das erste Lied kennt, es läuft mir seit gestern nach, konnte es aber nirgendwo finden.. ? :-)
Also ab hier SPOILER ALERT - für alle jene, die noch nichts über den Inhalt des Films erfahren wollen - nicht weiterlesen! Für alle anderen:
Virginity
Tales ist ein Dokumentarfilm, der hauptsächlich die Familie Wilson aus Colorado
Springs porträtiert und der erzählt, wie die in den USA sehr bekannten
Wilsons das von ihnen initiierte Purity Ball Movement vorantreiben. Bei den
Purity Balls handelt es sich um Tanzveranstaltungen, an denen Töchter ihren
Vätern ihre Reinheit, sprich sexuelle Enthaltsamkeit, bis zur Ehe versprechen. Die
Mädchen tragen weisse Kleider, die Väter geloben, ihre Töchter – auch physisch
– zu verteidigen und ihnen zu helfen, bis zur Ehe rein, sprich sexuell enthaltsam zu
bleiben; die Väter stecken dann weiter den Mädchen einen Ring an den Finger,
der irgendwann einmal durch einen Ehering ersetzt werden wird und zum Schluss
wird getanzt – Vater mit Tochter, fast schon als wäre es eine Hochzeit nur eben
zwischen Vater und Tochter. Dass dieser Veranstaltung die Idee der Jungfräulichkeit zugrunde liegt, ist etwas für PsychoanalytikerInnen, aber
belassen wir’s dabei. Denn sowohl die Wilsons, als auch das von ihnen
angestossene Movement liessen sich enorm leicht ins Lächerliche ziehen und es
ist dem Film zu Gute zu halten, dass dies nicht geschieht, denn zum
(Aus-)Lachen ist die Sache nicht.
Ich habe gestern beim gedanklich Wiederkauen des Gesehenen zwei sich widersprechende Gedanken bemerkt, die
sich (unkritisch) in meinem Kopf ein Rededuell lieferten:
1.die prüden evangelikalen Amerikaner
finden neue Wege, die ganz und gar nicht subtile Unterdrückung von Mädchen und
Frauen wieder salonfähig zu machen, sie instrumentalisieren das allgemeine
Unwohlsein bezüglich der sexualisierten (Pop-)Kultur um Mädchen das
Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper abzusprechen, Sexualität generell zu
verteufeln und Frauen wieder in die Rolle als Heimchen am Herd zurückzudrängen und
das macht mir Angst und macht mich wütend.
2.die gottverdammte (pun intended) 21.
Jahrhundert-Orientierungslosigkeit macht mir aber auch Angst. Wenn es nun also Menschen gibt, die für sich eine Lösung gefunden haben, damit umzugehen, dass die
Welt so komplex ist, wie sie ist - why not? Sie haben Antworten. Irgendwie beneidenswert und völlig
nachvollziehbar. Wer bin ich, dass ich ihnen sagen dürfte, sie machen es falsch?
Heute ist
das alles einmal überschlafen, ich habe mir
eine amerikanische Talkshow (der Vater Randy Wilson ist auch als Gast zugegen, ab Teil 2 - einfach rechts die Fortsetzungen anklicken) angesehen zum Thema:
und dann noch eine Schweizer Radiosendung
(dazu später) angehört und ich verstehe jetzt, dass die beiden Gedanken von
gestern sich eigentlich gar nicht widersprechen, sie sind einfach zwei
Aufnahmen von unterschiedlichen Standpunkten her:
So sagt auch Jessica Valenti
(Mitbegründerin von feministing.org und eine der Stimmen gegen die Purity Balls
in den USA - ich bin übrigens ein erklärter Fan von ihr) in der besagten Talkshow: Es ist völlig okay, wenn einzelne
Menschen sich entschliessen, keinen Sex zu haben (ab 6.49 min ist sie zu sehen, im 4. Teil um 2.20 min sagt sie obiges Zitat).Und dem stimme ich
vollumfänglich zu, das meine ich damit, wenn ich finde, dass jede(r) für sich
einen Weg finden soll, sich in der Welt zurechtzufinden und wenn das über
Enthaltsamkeit geht, warum nicht, das ist es, was ich nachvollziehbar finde.
Denn es ist ihre persönliche Entscheidung ihre Sexualität so zu leben, wie sie
dies wollen – in diesem Falle eben nicht (körperlich). Sei das vor der Ehe oder
generell oder während der Ehe, oder auch ohne überhaupt an die Ehe zu denken,
weil sie das so wollen.
Das Problem
ist aber, dass das Umgekehrte im Weltbild der Wilson-Familie im Spezifischen,
aber auch der radikalen Enthaltsamkeitsbewegung (in den USA) nicht funktioniert,
weil junge Frauen, und wohl etwas weniger aber auch junge Männer, die sich
nicht an diese Purity-Regeln halten, eben nicht rein sind, etwas negatives
sind, falsch leben. In der Talkshow ist die Rede von gefallenen Frauen, und im
Film reagieren die Wilson-Eltern mit Unverständnis auf die Frage, ob sie es
akzeptieren würden, wenn ihre Töchter vorehelichen Sex hätten. Denn eine solche
Situation scheint gänzlich undenkbar zu sein. Die Wilsons sprechen dann,
offensichtlich von der Frage verwirrt zuerst von unconditional love, die sie
ihren Töchtern gegenüber bringen würden, dann sagen sie aber auch, dass, wenn die
Töchter in Gefahr seien, der Vater seine Töchter „physisch beschützen“ würde,
man denkt dabei an sein Schwert, das er immer mal wieder zu rituellen Zwecken
zückt. Die Wilsons fordern also Toleranz gegenüber ihrer Vorstellung davon, wie
man tugendhaft und richtig lebt, sind aber nicht bereit, diese Toleranz anderen
Menschen mit anderen Lebensentwürfen entgegenzubringen.
Ebenso sagt
der Vater Randy im Film, dass auch wenn jemand alle guten Taten leistet, wenn
er oder sie dies nicht im Namen Jesus’ macht, diese Person trotzdem in die
Hölle komme. Was es dann schon sehr schwierig macht, ihn in seinen
Überzeugungen ernst zu nehmen und ihm wohlwollend seine Meinung zuzugestehen
(da er das umgekehrt absolut gar nicht tut, kein klitzekleines bisschen).
Die Wilson-Kinder
sind allesamt homeschooled, das heisst, die Mutter unterrichtet sie –
Kreationismus, keine Einmischung der Regierung ins Persönliche, und da sie von
Algebra nichts versteht, betet sie, dass das Wissen darum von Gott kommt... Also
diese völlige Abschottung von der Aussenwelt, die mangelhafte Ausbildung der
Kinder, die empfinde ich auf individueller Ebene als nicht okay, weil so den
Kindern die Chance aberkannt wird, selber denken zu lernen, die Welt selber
verstehen zu lernen. Es handelt sich bei den Wilsons um ein völlig in sich
geschlossenes System, das totalitär funktioniert, der Anführer ist der Vater.
Und dieser wird nicht müde zu betonen, dass es der Wunsch der Kinder sei, rein
zu bleiben, er unterstütze und begleite nur. Dass die Kinder sich nie selber
entscheiden konnten, wird komplett verleugnet. Und seine Führer-Postition zeigt
sich deutlich, wenn er die vor ihm knienden Kinder nacheinander segnet, wenn er
den Jungen mit einem Schwert zum Krieger schlägt, wenn er den Mädchen eine
Mitgifttruhe trümmert, wenn er den zukünftigen Ehemännern seiner Töchter einen
Brief schreibt, wenn er die Kinder selbst verheiratet, wenn seine Frau ihn
ihren Leader nennt. Die permanente Verleugnung seiner Machtposition ist schwer verdaulich,
vor allem verknüpft mit seiner charismatischen, sanften Art habe ich diesen
Mann fast nicht ertragen, der seine Söhne und Schwiegersöhne in den Krieg
schickt und seinen Töchtern keine Ausbildung zukommen lässt, sodass die älteste
Tochter dann irgendwo auf einer Militärbasis sitzt, alleine zu Hause, wartend
darauf, bis (und ob überhaupt) ihr Mann wieder zurück kommt.
Und da
liegt nun wieder das Problem nicht hauptsächlich bei den Wilsons, sondern in
der Tatsache, dass sie nun als Paradebeispiel für eine enorm mächtige Bewegung
stehen – die erzkonservativen Rechten, die auf schreckliche Weise Religion mit Krieg
verknüpft. Während nämlich die Frauen rein bleiben bis zur Ehe und dann gute
Ehe- und Hausfrauen zu sein haben, werden die Männer zu Kriegern erzogen. Der
kleine Junge der Wilsons hat es als grosses Ziel auf die Militärschule
Westpoint gehen zu können und dem Feind in die Augen blicken zu können, die bereits
verheirateten ältesten Töchter sind beides Army Wives, das heisst, ihre Männer
kämpfen in den Kriegen, die die USA führen. Zudem ist Randy politisch sehr
engagiert, auch wenn er das fadenscheinig bestreitet: „Es geht nicht um
Politik, es geht darum, Entscheidungsträger zu beeinflussen.“ Er ist beim
Family Research Council tätig, einem politischen Think Tank, der gegen
Frauenrechte (gegen Zugang zu medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbrüchen,
gegen Zugang zu Verhütungsmitteln, natürlich gegen Sex vor der Ehe), gegen
LGBTQ-Rechte (das Hauptengagement ist gegen die sogenannte Gay Agenda, sie
vermischen stets Pädophilie mit Homosexualität) kämpft, dafür aber die
Todesstrafe befürwortet (so viel zu pro life) und der, ja, ich kann es nicht
anders ausdrücken, einen Glaubenskrieg führt/ führen will, gegen jegliche
Einmischung des Staates ins Private, für jegliche Einmischung Amerikas in
andere Länder, so scheint es.
Hier ein
Video, das im Film ebenfalls vorkommt, wo Randy auch involviert ist- den
Watchmen on the Wall, eine assoziierte Priestervereinigung, die sich politisch
vernetzt:
Und, das
muss ich jetzt so ausdrücken, this pisses me off! Die christliche Botschaft instrumentalisieren,
um Hass und Krieg und Unterdrückung der Frauen zu propagieren und das noch so
verdammt erfolgreich, das finde ich eine äusserst üble und besorgniserregende Sache.
Aber, und
das gilt es festzuhalten, diese Bewegung findet ja nicht im luftleeren Raum
statt, wie ich bereits angetönt habe und es handelt sich dabei auch nicht um
ein Portrait einer US-amerikanischen Freakshow, sondern um eine
gesellschaftliche Entwicklung, die auch in meinem Umfeld (was das genau ist,
ist ein eigenes Buch wert) spürbar ist. Eine Reaktion auf Haltlosigkeit. Und
ich verstehe, wie eine solche Familie und auch wie ein Wissen darum, was gut, was böse
ist, eine enorme Stabilität gewährt. Dass Väter mit ihren Kindern etwas
unternehmen, ist wunderbar, und die Wärme der Wilsons schien nicht nur
gekünstelt. Ich plädiere dafür, dass jeder und jedem das Recht zugestanden
wird, den eigenen Weg zu finden, mit Orientierungslosigkeit, mit der
Übersexualisierung der Gesellschaft, mit spirituellen/religiösen Fragen
umzugehen – ohne Gewalt! Einfach echt ohne Waffen, ohne totalitäre
(Familien-)Regimes, ohne die Möglichkeiten der einzelnen Menschen in den
Systemen einzuschränken (so weit das möglich ist), ohne Mädchen ihr Recht auf
eine Ausbildung und eine eigene Identität, ein eigenes Leben abzusprechen ohne
anderen mit Gewalt etwas aufzuzwingen (Stichwort Andersgläubigen,
Andersliebenden, Anderslebenden!)
Und nach
diesem etwas pathetischen Schluss, aber ich fühle mich im Rahmen dieses Themas
wirklich gezwungen, das zu schreiben, auch wenn es eigentlich klar sein sollte,
noch der Link zur oben erwähnten Radiosendung von DRS1 – die sich mit dem
Mythos Jungfräulichkeit auseinandersetzt:
Nicht nur im Bezug auf die neue
Keuschheitsbewegung, sondern mit Blick auch auf früher, was es z.B. bedeutet
hat, wenn im Frauen im Kloster und nicht in einer Ehe lebten, dass es
medizinisch eben ein so etwas wie Jungfräulichkeit gar nicht gibt und auch fragt, was denn die Jungfräulichkeit überhaupt beenden (?) kann - nur vaginaler heterosexueller Geschlechtsverkehr? Zudem
sprechen drei Menschen zum Thema, wie sie die Frage Jungfräulichkeit für sich
geklärt haben und eine Kulturwissenschaftlerin erläutert den Kontext und
spricht über ihre Untersuchungen zum Thema. Sehr empfehlenswert!!
Ab nächstem Jahr gelten also die
Änderungen im Schweizerischen Namens- und Bürgerrecht. Über diese kurze Meldung
des Inkraftreten eines parlamentarischen Beschluss berichtete gestern der Tagi
online, in kürzester Zeit füllten sich die Kommentarspalten, unterdessen wurden
schon über 120 Äusserungen dazu abgegeben. http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Wer-heiratet-behaelt-kuenftig-seinen-Namen/story/25262383
Auch ich empfand den Artikel,
beziehungsweise seinen Inhalt, als bedeutsam und teilte ihn gestern auf
facebook. Nach einer Diskussion mit meinem Freund und der Idee, wir könnten
einfach ab und zu unsere Namen Brangelina-like verschmelzen, liess mich die
Frage nicht mehr los, warum denn (Nach-)Namen überhaupt politisch debattiert
werden und weshalb die Änderungen im Namensrecht auf eine derartige öffentliche
Resonanz stossen.
Namen als Label für soziale Zugehörigkeit
Also wenn mensch sich das mal so
überlegt, ist ein Name eigentlich schon etwas Ungeheuerliches – er wird einem
bei der Geburt einfach ungefragt gegeben und er bleibt dann meist eine
Konstante im eigenen Leben. Namen sind somit in unserem gesellschaftlichen
Umfeld eine relevante Grösse für das Schaffen der eigenen Identität, wie dies
bei anderen nicht selbst gewählten Attribute wie Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität,
Schichtszugehörigkeit, etc. der Fall ist, in die ein Mensch hineingeboren wird
und mit denen sie sich arrangieren muss. Dabei sind Namen gerade auch mit
diesen sozialen Kategorien untrennbar verknüpft, weshalb die Debatte über sie
auch eine solche politische Sprengkraft hat: So zeugt das Misstrauen, das
„fremd klingenden“ Namen von Firmen (deshalb die Idee mit den anonymisierten
Lehrstellenbewerbungen) oder in einem konkreten Beispiel der Feuerwehr im Dorf,
wo ich aufgewachsen bin, die alle bis 30jährigen jährlich zu einem Treffen
aufbieten, ausser „die, mit den Namen, die man gar nicht aussprechen kann“ (Äusserung
eines Feuerwehrmitglieds, als er glaubte, unter Gleichgesinnten zu sein)
entgegengebracht wird, ohne die damit bezeichnete Person jemals kennengelernt
zu haben, zeugen von der Xenophobie, die in der Schweizerischen Gesellschaft
tief verwurzelt ist. Schliesslich entstammen auch die altschweizerischen Namen
wie Müller, Gerber etc. dem Wunsch nach Abgrenzung, die Wahl von bürgerlichen
Berufen als Familiennamen zeugt von der Vererbung gesellschaftlicher
Privilegien.
Und schliesslich – dieser Aspekt
wird im Zusammenhang mit dem neuen Namensrecht allerorts in einem Atemzug
genannt – über die Nachnamen konstituiert sich das Geschlechterverhältnis. Ein
neugeborenes Kind muss entweder auf einen eindeutig männlichen oder eindeutig
weiblichen Namen getauft werden, wobei dabei vom biologischen Geschlecht des
Kindes ausgegangen wird, da das Baby ja noch nicht über seine
Geschlechtsidentität verfügt, beziehungsweise darüber Auskunft geben kann
(nicht dass Abweichungen von cis-gender-Identitäten überhaupt jemals als Möglichkeit
erachtet würden). Und so bin ich also seit dem Tag meiner Geburt auf einen
Mädchenvornamen getauft, der so mit allergrösster Wahrscheinlichkeit mein Leben
lang in meinem Pass stehen wird. Dieses Gesetztsein meines Vornamens zeugt
dabei von meinem sozialen Privileg als cis-gender Inhaberin eines Schweizer
Passes – Trans-Menschen und Menschen ohne Papiere haben diese lebenslange
staatlich gesicherte Vornamensstabilität nicht (unbedingt).
Ach, wie gut, dass niemand weiss ...
Namensstabilität als Indikator für soziale Privilegiertheit
Die grosse Neuerung, oder die am
meisten diskutierte ist die Gewährleistung der Namensstabilität für beide
Partner einer heterosexuellen Beziehung nach der Hochzeit. Das ist eine
eindeutige Aufwertung der Frau, die nun nicht mehr automatisch mit der Heirat
einen neuen Nachnamen und damit eine neue Familienzugehörigkeit erhält. Es wird
nicht mehr automatisch markiert, dass sie nach der Heirat nicht mehr zur
Familie ihres Vaters, sondern neu zur Familie ihres Mannes, bzw. zur neu
gegründeten Familie mit dem Namen ihres Ehemannes gehört. Der Normalfall, von
dem auf Wunsch hin problemlos abweichen werden kann, ist nun also: Heiratet
eine Frau einen Mann, bleiben beide namentlich Teil ihrer elterlichen (bislang
meist väterlichen) Familie, die Hochzeit bedeutet also auch für die Frau keine
Zäsur in ihrer Identität mehr.
Dies ist definitiv ein Schritt hin
zur Gleichberechtigung, und ich bin darüber sehr erfreut. Warum erinnere ich
mich aber während des Lesens des Artikels und des Diskutierens darüber daran,
wie ich mir in der Primarschule vorgestellt hatte, wie ich dereinst heiraten und
dann spannenderweise anders heissen würde?
Bis heute gefällt mir die Idee eines
neuen Namens, deshalb weil sie die Möglichkeit einer Neuerfindung beinhaltet,
ein altes Label abstreifen, ein neues anprobieren. Ich wurde bei vielen Namen
genannt in meinem Leben, wobei ich bereits im Kindergarten versucht habe, mir
einen neuen Namen zu geben, um cooler zu sein: Ich stellte mich vor als
„Jasmine, aber ihr könnt mich auch Jasskarte nennen“ (oje) J, später in der Primarschule
entstand mein Alter-Ego Liriana, das ich bis heute in literarischen Texten
gerne verwende, doch auch der Versuch, mich so nennen zu lassen, scheiterte. Doch
hatte ich in jeder Schulstufe einen anderen Namen, bei dem ich gerufen wurde.
In der Primarschule war ich Jasme, in der Oberstufe Jasi, in der Kanti dann
Jasmine, dann gibt es Menschen, die mich Jase nennen (ja, tatsächlich) und
einige die mich Heidi nennen (was ich auch sehr toll finde), ausserdem nennt
mich mein Freund bei Kosenamen, genauso meine Mutter, und eigentlich ist
Jasmine gar nicht mein erster Vorname, sondern nur mein Rufname, was des
Öfteren zu Verwirrungen führt, wenn ich beispielsweise beim Zahnarzt nicht mehr
weiss, unter welchem Namen ich registriert bin. So fest wie mein Vorname also
in meinem Pass steht, so fliessend ist seine tatsächliche Verwendung doing name
sozusagen. Somit erscheint es mir als irgendwie selbstverständlich, dass auch
die Idee eines neuen Nachnamens etwas Befreiendes hat, die Idee des
Mich-Umbenennens ist für mich Teil meiner Identität. Erstaunlich dabei ist, wie
diese Empfindung an der „Geschlechtergrenze“ aufzuhören scheint, ich glaube, es
ist etwas spezifisch weibliches, sich in diesem fliessenden Selbstverständnis
der Namens- und Identitätsgebung zu bewegen. Beziehungsweise etwas spezifisch
nicht-cis-gender-männliches, da Transmenschen damit noch in stärkerem Masse
konfrontiert sind oder sein können. Dies begründet sich darin, dass wir
nicht-cis-gender-Männer nie die Standard-Menschen sind, wir lernen, dass wir
uns ständig neu erfinden müssen oder können, es ist bei mir ein wichtiger Teil
meiner Identität, dass ich diese immer mal wieder ein wenig umwandle. Ich
wechsle meine Kleider, meine Frisur, meinen Musikgeschmack, wieso nicht auch
meinen Namen?
Kompliziert wird es allerdings, wenn
in den Kommentarspalten des Tagi online folgende Aussagen in ähnlicher Weise
vielfach zu lesen sind: „Ein weiterer Markstein im Niederreissen des
Status des Mannes.”, “Ja, endlich werden die Männer im Namensrecht
benachteiligt. (…) (Achtung:Ironie).” Warum stösst denn dieses Gesetzt anscheinend viele Männer vor den Kopf?
Es gelten ja nur nun auch für Frauen dieselben Regeln, wie sie für Männer schon
immer galten, es wird ja niemandem etwas weggenommen... Doch viele Männer
scheinen dies als Bedrohung wahrzunehmen, nur schon die Idee eines neuen
Nachnamens nach einer Heirat oder das Nichtweitergebenkönnen des eigenen
Nachnamens an die Kinder scheint ihre männliche Identität zu bedrohen. Er, der
Mann, der Standard-Mensch, will sich nicht neuerfinden müssen, denn er wird
nicht er ist. (Selbstverständlich spreche ich dabei von hegemonialer
Männlichkeit, nicht von „allen individuellen Männern“).
Familienzusammenhalt?
Wieder zurück zu mir und der Frage, weshalb
das mit dem Nachnamen überhaupt ein Thema ist, über das ich nachdenke. Die
Namensfrage scheint sich vor allem dann zu stellen, wenn in eine heterosexuelle
Beziehung/Ehe Kinder geboren werden. Wie sollen denn dereinst die Kinder
heissen, und überhaupt, wäre es nicht hübsch, ich als Mutter, mein Freund als
hypothetischer Ehemann und Vater und unsere hypothetischen Kinder hätten alle
denselben Nachnamen, würde es nicht unseren Familienzusammenhalt stärken, ein
wir-Gefühl herstellen? Ich bin immer mal wieder überrascht, wie diese
traditionalistischen heterosexistischen Ideen von Familien tief in mir drin
sitzen, obwohl ich so etwas im eigenen familiären Hintergrund gar nicht habe.
Ich war immer stolz, dass meine Familie aus Menschen mit verschiedenen Nachnamen
besteht – meine Mutter, deren Lebenspartner, mein Freund, dessen Mutter, sie
alle haben nicht denselben Nachnamen wie ich und gehören doch definitiv zu
meiner Familie.
Und wahrscheinlich ist es genau das
Verletzen dieser heterosexistischen Idee der einzig möglichen Familie als
Vater-Mutter-verheiratet-Kinder, was die Gemüter so erregt; wobei es ja nicht
um das Abschaffen, sondern einzig um das Denken von weiteren Modellen geht, es
geht eben nicht um Diskriminierung, sondern um Entdiskriminierung von
„alternativen“ Modellen. Doch das Durchbrechen von Normen gefährdet stabile
Machtverhältnisse, was niemals ohne Gegenwehr abläuft von der Seite jener,
denen Privilegien entzogen werden; die Tagikommentatoren, die in der neuen
Regelung eine Emanzen-Weltverschwörung sehen, gehören sicherlich zu dieser
Gruppe.
Dennoch ist es eigentlich wirklich
erstaunlich, wie gewisse Normen im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert
sind, und das Denken und Empfinden von Menschen prägen und beeinflussen, die
von jenen verbitterten Tagi-Kommentarschreibern meilenweit entfernt sind, und
dies obwohl diese Normen so längst nicht mehr gelebt werden. Alleinerziehende
Eltern, Paare ohne Kinder (egal welchen Geschlechts und Zivilstandes), gute
Freunde, Mehrgenerationenhaushalte, Homosexuelle Paare mit Kindern, sogenannte
Patchworkfamilien, wie die meinige, und so viele mehr – alles genauso valide
Formen von Familie. Dort wo sich Menschen lieben, solidarisch sind, einander
helfen, dort wo jedes Mitglied eingebunden ist und sich selber sein darf, sind
Nachnamen nicht das Ausschlaggebende für das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Letzte Woche beschloss der Bundesrat die Rechte homosexueller Paare zu erweitern, künftig sollen diese Kinder adoptieren können. Der Vorstoss ist aber ziemlich eingeschränkt, er gilt nur bei Kindern des Partners aus früheren Beziehungen, eine Adoption "fremder" Kinder sowie der Zugang zu Fortpflanzungstechnologien bleibt LGBT-Paaren weiterhin verwehrt. Damit ist immerhin das schlimmste Problem gelöst, Kinder die mit homosexuellen Eltern aufwachsen gehören nun zu beiden Partnern und und werden nicht aus ihrem Umfeld gerissen, falls ihrem biologischen Elternteil etwas zustossen könnte.
Sehen wir es mal als Schritt in die richtige Richtung. Das einzige Argument, dass Gegner der Adoption durch homosexuelle Paare vorbringen können (neben den pseudochristlichen), ist dass solche Kinder wohl in der Schule gehänselt werden könnten. Dieses Argument entbehrt jeglicher Logik. Es gibt Kinder die in LGBT-Familien aufwachsen und deren Zahl wird immer grösser, je weniger das Gesetz das einschränkt umso "normaler" werden solche Familienformen werden und umso weniger müssen sich Eltern Sorgen über mögliche Nachteile ihrer Kinder machen. Wenn nun aber nur einem bestimmten Teil der homosexuellen Eltern die Adoption ermöglicht wird, sagt der Bundesrat damit auch, dass es eben nicht normal sei und fördert damit die Diskriminierung von Kindern aus LGBT Familien.
Häufig wird von den Gegner ein archaisches Familienbild propagiert, in dem eine Familie aus Vater-Mutter-Kind(er) bestehen soll. Von der Mutter bekommt dann das Kind viel Liebe und vom Vater lernt es handwerken? Dieses Bild enspricht längst nicht mehr der Realität, erstens gibt es viele Familien die nicht aus dieser Zusammensetzung bestehen und zweitens sind diese Rollenbilder sowieso völlig daneben. Auch der Herr Darbellay könnte das langsam einsehen! Längst haben viele Studien bestätigt, dass Kinder keinen Schaden nehmen, wenn sie bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen. Was also geht es ihn denn überhaupt an und mit welchem Recht mischt er sich in dieses Gebiet ein. Die Frage nach homosexueller Adoption ist keine politische mehr, sondern anscheinend eine Glaubensfrage geworden. Ein vernünftiges Argument der Gegenseite hat man längst nicht mehr gehört. Mit seinem Kokainvergleich vor drei Monaten hat sich Herr Darbellay ins Abseits gebracht und soll dort auch bleiben, oder in eine Zeitmaschine steigen und zurück in die "gute alte Zeit" fliegen.
Hoffen wir, dass es nun etwas schneller geht und LGBT Personen bald Zugang zu jeglicher Adoption und auch zu anderen Reproduktionsmitteln bekommen. Der Kinderwunsch sollte ganz alleine von einem selbst und nicht von der sexuellen Orientierung abhängen.
Anita Sarkeesian erklärt, warum es gut ist, dass Weihnachten endlich vorbei ist. Manche Festtagstexte sind wirklich ziemlich merk- um nicht zu sagen fragwürdig.