Es ist eine 4-teilige Miniserie, die Fans von Empirekleidern, höflichen Knicken und galanten Herren begeistern wird. Doch nicht nur die, denn Jane Austens Pride and Prejudice wird in Lost in Austen durch Amanda Price, die sich aus der Gegenwart dorthin verirrt ziemlich durcheinander gebracht. Sie stellt fest: „Hear that sound, George? Duh-uh-uh-uh! That's Jane Austen spinning in her grave like a cat in a tumble-dryer.”
Amanda Price lebt in London der Gegenwart und ist mit ihrem Leben ziemlich unzufrieden, sie sitzt am liebsten auf dem Sofa und liest schmachtend Pride and Prejudice. Da öffnet sich auf einmal eine Tür in ihrem Badezimmer und Elizabeth Bennet steht vor ihr. Die beiden tauschen mehr oder weniger freiwillig die Plätze und so findet sich Amanda plötzlich im 19. Jahrhundert wieder, in einem Buch das im 19. Jahrhundert spielt genauer gesagt.
Amanda trifft Elizabeth Bennet
Sie wird Teil der Geschichte und nichts läuft mehr so, wie es geschrieben steht. Betrunken von Punsch knutscht Amanda Mr. Bingley auf einem Ball, worauf sich dieser angesichts solch ungewöhnlicher Avancen in sie statt in Jane verliebt. Sie wird ihn erst mit der Behauptung wieder los, dass sie auf Frauen stehe. Amanda versucht alles, um die Geschichte wieder ins Lot zu bringen, verspricht gar den garstigen Mr. Collins zu heiraten, der sich gerne in seiner Hosentasche kratzt und dann intensiv an seinen Fingern riecht.
Bei Lost in Austen ist alles ein bisschen übertrieben, aber gerade diese Übertreibung ist grandios. Ein einzelner Mensch aus der Zukunft beeinflusst die ganze Geschichte und das Denken der Figuren. Sie beginnen sich nach einem aufregenderen Leben, das weniger limitiert ist zu sehnen. Wir erfahren auch so einiges über die Figuren, das wir noch nicht wussten. Caroline Bingley macht Amanda Avancen und outet sich als homosexuell. Der durchtriebene Wickham gibt sich zwar als Opportunist, ist jedoch grundanständig und seine Verfehlungen gegen Georgiana unwahr. Mr. Darcy ist durch den Blick einer Frau unserer Zeit noch unerträglicher und arroganter als je zuvor. Allerdings holt Amanda bald das Beste aus ihm raus, schickt ihn in Reminiszenz an Colin Firth in einem weissen Hemd ins Wasser und traut ihren Augen kaum: „I am having a bit of a strange post-modern moment here.“ Mr. Darcy: „Is that agreeable?“ Amanda Price: „Oh, yes. Yes.”
Is that agreeable?
Der phlegmatische Mr. Bennet (gespielt von Hugh Bonneville alias Robert Crawley) wird durch Amanda dazu gebracht endlich einmal zu handeln und sich für seine Familie zu interessieren und Mrs. Bennet und Jane sagen der gehässigen Lady Catherine de Bourgh endlich einmal gründlich die Meinung, als diese sich wieder einmal aufspielen und einmischen will. „I say this. You are a prig, Madam, a pander and a common bully. And you cheat at cards! Do you suppose you may enter my house and brandish your hat at me thus?“
So klingt Mrs. Bennet auf einmal wie Musik in den Ohren und nicht mehr wie die ewig nörgelnde Glucke, als die sie bei Austen erscheint.
Am Ende treffen sich Elizabeth und Amanda wieder im modernen London und machen sich auf zum Haus der Bennets, Liz bestellt und zahlt gleich ein Taxi übers Internet und gesteht, in der falschen Zeit geboren zu sein und sich hier sehr wohl zu fühlen.
Liz hat sich verändert
Am Ende beschliessen beide, nicht mehr in ihr altes Leben zurückzukehren. Amanda traut sich die Geschichte von Pride and Prejudice endgültig zu brechen und entscheidet sich für Darcy.
Elizabeth eröffnet ihrem Vater, dass sie wieder weggehen wird und befürchtet, dass ihre Mutter sehr wütend darüber sein wird. Der Vater meint dazu: “If you go your mother will never see you again but if you don’t then I will never see you again.” (Jane Austen Fans wird dieser Satz bekannt vorkommen.
In Lost in Austen werden aus den Bennet-Girls zwar keine Revoluzzerinnen, sie werden aber durch Amanda dazu gebracht die Werte der Zeit zu hinterfragen. Insbesondere die Männer sind von der seltsam gekleideten und sprechenden Frau verunsichert.
So empfehle ich die Miniserie jeder und jedem, die oder der Jane Austen Verfilmungen liebt, sich dabei jedoch nach mehr Leidenschaft und Sass sehnt.
Ich war gestern Abend im Kino und habe mir den Film Virginity Tales von Mirjam von Arx
angeschaut, hier für alle den Trailer:
falls jemand das erste Lied kennt, es läuft mir seit gestern nach, konnte es aber nirgendwo finden.. ? :-)
Also ab hier SPOILER ALERT - für alle jene, die noch nichts über den Inhalt des Films erfahren wollen - nicht weiterlesen! Für alle anderen:
Virginity
Tales ist ein Dokumentarfilm, der hauptsächlich die Familie Wilson aus Colorado
Springs porträtiert und der erzählt, wie die in den USA sehr bekannten
Wilsons das von ihnen initiierte Purity Ball Movement vorantreiben. Bei den
Purity Balls handelt es sich um Tanzveranstaltungen, an denen Töchter ihren
Vätern ihre Reinheit, sprich sexuelle Enthaltsamkeit, bis zur Ehe versprechen. Die
Mädchen tragen weisse Kleider, die Väter geloben, ihre Töchter – auch physisch
– zu verteidigen und ihnen zu helfen, bis zur Ehe rein, sprich sexuell enthaltsam zu
bleiben; die Väter stecken dann weiter den Mädchen einen Ring an den Finger,
der irgendwann einmal durch einen Ehering ersetzt werden wird und zum Schluss
wird getanzt – Vater mit Tochter, fast schon als wäre es eine Hochzeit nur eben
zwischen Vater und Tochter. Dass dieser Veranstaltung die Idee der Jungfräulichkeit zugrunde liegt, ist etwas für PsychoanalytikerInnen, aber
belassen wir’s dabei. Denn sowohl die Wilsons, als auch das von ihnen
angestossene Movement liessen sich enorm leicht ins Lächerliche ziehen und es
ist dem Film zu Gute zu halten, dass dies nicht geschieht, denn zum
(Aus-)Lachen ist die Sache nicht.
Ich habe gestern beim gedanklich Wiederkauen des Gesehenen zwei sich widersprechende Gedanken bemerkt, die
sich (unkritisch) in meinem Kopf ein Rededuell lieferten:
1.die prüden evangelikalen Amerikaner
finden neue Wege, die ganz und gar nicht subtile Unterdrückung von Mädchen und
Frauen wieder salonfähig zu machen, sie instrumentalisieren das allgemeine
Unwohlsein bezüglich der sexualisierten (Pop-)Kultur um Mädchen das
Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper abzusprechen, Sexualität generell zu
verteufeln und Frauen wieder in die Rolle als Heimchen am Herd zurückzudrängen und
das macht mir Angst und macht mich wütend.
2.die gottverdammte (pun intended) 21.
Jahrhundert-Orientierungslosigkeit macht mir aber auch Angst. Wenn es nun also Menschen gibt, die für sich eine Lösung gefunden haben, damit umzugehen, dass die
Welt so komplex ist, wie sie ist - why not? Sie haben Antworten. Irgendwie beneidenswert und völlig
nachvollziehbar. Wer bin ich, dass ich ihnen sagen dürfte, sie machen es falsch?
Heute ist
das alles einmal überschlafen, ich habe mir
eine amerikanische Talkshow (der Vater Randy Wilson ist auch als Gast zugegen, ab Teil 2 - einfach rechts die Fortsetzungen anklicken) angesehen zum Thema:
und dann noch eine Schweizer Radiosendung
(dazu später) angehört und ich verstehe jetzt, dass die beiden Gedanken von
gestern sich eigentlich gar nicht widersprechen, sie sind einfach zwei
Aufnahmen von unterschiedlichen Standpunkten her:
So sagt auch Jessica Valenti
(Mitbegründerin von feministing.org und eine der Stimmen gegen die Purity Balls
in den USA - ich bin übrigens ein erklärter Fan von ihr) in der besagten Talkshow: Es ist völlig okay, wenn einzelne
Menschen sich entschliessen, keinen Sex zu haben (ab 6.49 min ist sie zu sehen, im 4. Teil um 2.20 min sagt sie obiges Zitat).Und dem stimme ich
vollumfänglich zu, das meine ich damit, wenn ich finde, dass jede(r) für sich
einen Weg finden soll, sich in der Welt zurechtzufinden und wenn das über
Enthaltsamkeit geht, warum nicht, das ist es, was ich nachvollziehbar finde.
Denn es ist ihre persönliche Entscheidung ihre Sexualität so zu leben, wie sie
dies wollen – in diesem Falle eben nicht (körperlich). Sei das vor der Ehe oder
generell oder während der Ehe, oder auch ohne überhaupt an die Ehe zu denken,
weil sie das so wollen.
Das Problem
ist aber, dass das Umgekehrte im Weltbild der Wilson-Familie im Spezifischen,
aber auch der radikalen Enthaltsamkeitsbewegung (in den USA) nicht funktioniert,
weil junge Frauen, und wohl etwas weniger aber auch junge Männer, die sich
nicht an diese Purity-Regeln halten, eben nicht rein sind, etwas negatives
sind, falsch leben. In der Talkshow ist die Rede von gefallenen Frauen, und im
Film reagieren die Wilson-Eltern mit Unverständnis auf die Frage, ob sie es
akzeptieren würden, wenn ihre Töchter vorehelichen Sex hätten. Denn eine solche
Situation scheint gänzlich undenkbar zu sein. Die Wilsons sprechen dann,
offensichtlich von der Frage verwirrt zuerst von unconditional love, die sie
ihren Töchtern gegenüber bringen würden, dann sagen sie aber auch, dass, wenn die
Töchter in Gefahr seien, der Vater seine Töchter „physisch beschützen“ würde,
man denkt dabei an sein Schwert, das er immer mal wieder zu rituellen Zwecken
zückt. Die Wilsons fordern also Toleranz gegenüber ihrer Vorstellung davon, wie
man tugendhaft und richtig lebt, sind aber nicht bereit, diese Toleranz anderen
Menschen mit anderen Lebensentwürfen entgegenzubringen.
Ebenso sagt
der Vater Randy im Film, dass auch wenn jemand alle guten Taten leistet, wenn
er oder sie dies nicht im Namen Jesus’ macht, diese Person trotzdem in die
Hölle komme. Was es dann schon sehr schwierig macht, ihn in seinen
Überzeugungen ernst zu nehmen und ihm wohlwollend seine Meinung zuzugestehen
(da er das umgekehrt absolut gar nicht tut, kein klitzekleines bisschen).
Die Wilson-Kinder
sind allesamt homeschooled, das heisst, die Mutter unterrichtet sie –
Kreationismus, keine Einmischung der Regierung ins Persönliche, und da sie von
Algebra nichts versteht, betet sie, dass das Wissen darum von Gott kommt... Also
diese völlige Abschottung von der Aussenwelt, die mangelhafte Ausbildung der
Kinder, die empfinde ich auf individueller Ebene als nicht okay, weil so den
Kindern die Chance aberkannt wird, selber denken zu lernen, die Welt selber
verstehen zu lernen. Es handelt sich bei den Wilsons um ein völlig in sich
geschlossenes System, das totalitär funktioniert, der Anführer ist der Vater.
Und dieser wird nicht müde zu betonen, dass es der Wunsch der Kinder sei, rein
zu bleiben, er unterstütze und begleite nur. Dass die Kinder sich nie selber
entscheiden konnten, wird komplett verleugnet. Und seine Führer-Postition zeigt
sich deutlich, wenn er die vor ihm knienden Kinder nacheinander segnet, wenn er
den Jungen mit einem Schwert zum Krieger schlägt, wenn er den Mädchen eine
Mitgifttruhe trümmert, wenn er den zukünftigen Ehemännern seiner Töchter einen
Brief schreibt, wenn er die Kinder selbst verheiratet, wenn seine Frau ihn
ihren Leader nennt. Die permanente Verleugnung seiner Machtposition ist schwer verdaulich,
vor allem verknüpft mit seiner charismatischen, sanften Art habe ich diesen
Mann fast nicht ertragen, der seine Söhne und Schwiegersöhne in den Krieg
schickt und seinen Töchtern keine Ausbildung zukommen lässt, sodass die älteste
Tochter dann irgendwo auf einer Militärbasis sitzt, alleine zu Hause, wartend
darauf, bis (und ob überhaupt) ihr Mann wieder zurück kommt.
Und da
liegt nun wieder das Problem nicht hauptsächlich bei den Wilsons, sondern in
der Tatsache, dass sie nun als Paradebeispiel für eine enorm mächtige Bewegung
stehen – die erzkonservativen Rechten, die auf schreckliche Weise Religion mit Krieg
verknüpft. Während nämlich die Frauen rein bleiben bis zur Ehe und dann gute
Ehe- und Hausfrauen zu sein haben, werden die Männer zu Kriegern erzogen. Der
kleine Junge der Wilsons hat es als grosses Ziel auf die Militärschule
Westpoint gehen zu können und dem Feind in die Augen blicken zu können, die bereits
verheirateten ältesten Töchter sind beides Army Wives, das heisst, ihre Männer
kämpfen in den Kriegen, die die USA führen. Zudem ist Randy politisch sehr
engagiert, auch wenn er das fadenscheinig bestreitet: „Es geht nicht um
Politik, es geht darum, Entscheidungsträger zu beeinflussen.“ Er ist beim
Family Research Council tätig, einem politischen Think Tank, der gegen
Frauenrechte (gegen Zugang zu medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbrüchen,
gegen Zugang zu Verhütungsmitteln, natürlich gegen Sex vor der Ehe), gegen
LGBTQ-Rechte (das Hauptengagement ist gegen die sogenannte Gay Agenda, sie
vermischen stets Pädophilie mit Homosexualität) kämpft, dafür aber die
Todesstrafe befürwortet (so viel zu pro life) und der, ja, ich kann es nicht
anders ausdrücken, einen Glaubenskrieg führt/ führen will, gegen jegliche
Einmischung des Staates ins Private, für jegliche Einmischung Amerikas in
andere Länder, so scheint es.
Hier ein
Video, das im Film ebenfalls vorkommt, wo Randy auch involviert ist- den
Watchmen on the Wall, eine assoziierte Priestervereinigung, die sich politisch
vernetzt:
Und, das
muss ich jetzt so ausdrücken, this pisses me off! Die christliche Botschaft instrumentalisieren,
um Hass und Krieg und Unterdrückung der Frauen zu propagieren und das noch so
verdammt erfolgreich, das finde ich eine äusserst üble und besorgniserregende Sache.
Aber, und
das gilt es festzuhalten, diese Bewegung findet ja nicht im luftleeren Raum
statt, wie ich bereits angetönt habe und es handelt sich dabei auch nicht um
ein Portrait einer US-amerikanischen Freakshow, sondern um eine
gesellschaftliche Entwicklung, die auch in meinem Umfeld (was das genau ist,
ist ein eigenes Buch wert) spürbar ist. Eine Reaktion auf Haltlosigkeit. Und
ich verstehe, wie eine solche Familie und auch wie ein Wissen darum, was gut, was böse
ist, eine enorme Stabilität gewährt. Dass Väter mit ihren Kindern etwas
unternehmen, ist wunderbar, und die Wärme der Wilsons schien nicht nur
gekünstelt. Ich plädiere dafür, dass jeder und jedem das Recht zugestanden
wird, den eigenen Weg zu finden, mit Orientierungslosigkeit, mit der
Übersexualisierung der Gesellschaft, mit spirituellen/religiösen Fragen
umzugehen – ohne Gewalt! Einfach echt ohne Waffen, ohne totalitäre
(Familien-)Regimes, ohne die Möglichkeiten der einzelnen Menschen in den
Systemen einzuschränken (so weit das möglich ist), ohne Mädchen ihr Recht auf
eine Ausbildung und eine eigene Identität, ein eigenes Leben abzusprechen ohne
anderen mit Gewalt etwas aufzuzwingen (Stichwort Andersgläubigen,
Andersliebenden, Anderslebenden!)
Und nach
diesem etwas pathetischen Schluss, aber ich fühle mich im Rahmen dieses Themas
wirklich gezwungen, das zu schreiben, auch wenn es eigentlich klar sein sollte,
noch der Link zur oben erwähnten Radiosendung von DRS1 – die sich mit dem
Mythos Jungfräulichkeit auseinandersetzt:
Nicht nur im Bezug auf die neue
Keuschheitsbewegung, sondern mit Blick auch auf früher, was es z.B. bedeutet
hat, wenn im Frauen im Kloster und nicht in einer Ehe lebten, dass es
medizinisch eben ein so etwas wie Jungfräulichkeit gar nicht gibt und auch fragt, was denn die Jungfräulichkeit überhaupt beenden (?) kann - nur vaginaler heterosexueller Geschlechtsverkehr? Zudem
sprechen drei Menschen zum Thema, wie sie die Frage Jungfräulichkeit für sich
geklärt haben und eine Kulturwissenschaftlerin erläutert den Kontext und
spricht über ihre Untersuchungen zum Thema. Sehr empfehlenswert!!
Ab nächstem Jahr gelten also die
Änderungen im Schweizerischen Namens- und Bürgerrecht. Über diese kurze Meldung
des Inkraftreten eines parlamentarischen Beschluss berichtete gestern der Tagi
online, in kürzester Zeit füllten sich die Kommentarspalten, unterdessen wurden
schon über 120 Äusserungen dazu abgegeben. http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Wer-heiratet-behaelt-kuenftig-seinen-Namen/story/25262383
Auch ich empfand den Artikel,
beziehungsweise seinen Inhalt, als bedeutsam und teilte ihn gestern auf
facebook. Nach einer Diskussion mit meinem Freund und der Idee, wir könnten
einfach ab und zu unsere Namen Brangelina-like verschmelzen, liess mich die
Frage nicht mehr los, warum denn (Nach-)Namen überhaupt politisch debattiert
werden und weshalb die Änderungen im Namensrecht auf eine derartige öffentliche
Resonanz stossen.
Namen als Label für soziale Zugehörigkeit
Also wenn mensch sich das mal so
überlegt, ist ein Name eigentlich schon etwas Ungeheuerliches – er wird einem
bei der Geburt einfach ungefragt gegeben und er bleibt dann meist eine
Konstante im eigenen Leben. Namen sind somit in unserem gesellschaftlichen
Umfeld eine relevante Grösse für das Schaffen der eigenen Identität, wie dies
bei anderen nicht selbst gewählten Attribute wie Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität,
Schichtszugehörigkeit, etc. der Fall ist, in die ein Mensch hineingeboren wird
und mit denen sie sich arrangieren muss. Dabei sind Namen gerade auch mit
diesen sozialen Kategorien untrennbar verknüpft, weshalb die Debatte über sie
auch eine solche politische Sprengkraft hat: So zeugt das Misstrauen, das
„fremd klingenden“ Namen von Firmen (deshalb die Idee mit den anonymisierten
Lehrstellenbewerbungen) oder in einem konkreten Beispiel der Feuerwehr im Dorf,
wo ich aufgewachsen bin, die alle bis 30jährigen jährlich zu einem Treffen
aufbieten, ausser „die, mit den Namen, die man gar nicht aussprechen kann“ (Äusserung
eines Feuerwehrmitglieds, als er glaubte, unter Gleichgesinnten zu sein)
entgegengebracht wird, ohne die damit bezeichnete Person jemals kennengelernt
zu haben, zeugen von der Xenophobie, die in der Schweizerischen Gesellschaft
tief verwurzelt ist. Schliesslich entstammen auch die altschweizerischen Namen
wie Müller, Gerber etc. dem Wunsch nach Abgrenzung, die Wahl von bürgerlichen
Berufen als Familiennamen zeugt von der Vererbung gesellschaftlicher
Privilegien.
Und schliesslich – dieser Aspekt
wird im Zusammenhang mit dem neuen Namensrecht allerorts in einem Atemzug
genannt – über die Nachnamen konstituiert sich das Geschlechterverhältnis. Ein
neugeborenes Kind muss entweder auf einen eindeutig männlichen oder eindeutig
weiblichen Namen getauft werden, wobei dabei vom biologischen Geschlecht des
Kindes ausgegangen wird, da das Baby ja noch nicht über seine
Geschlechtsidentität verfügt, beziehungsweise darüber Auskunft geben kann
(nicht dass Abweichungen von cis-gender-Identitäten überhaupt jemals als Möglichkeit
erachtet würden). Und so bin ich also seit dem Tag meiner Geburt auf einen
Mädchenvornamen getauft, der so mit allergrösster Wahrscheinlichkeit mein Leben
lang in meinem Pass stehen wird. Dieses Gesetztsein meines Vornamens zeugt
dabei von meinem sozialen Privileg als cis-gender Inhaberin eines Schweizer
Passes – Trans-Menschen und Menschen ohne Papiere haben diese lebenslange
staatlich gesicherte Vornamensstabilität nicht (unbedingt).
Ach, wie gut, dass niemand weiss ...
Namensstabilität als Indikator für soziale Privilegiertheit
Die grosse Neuerung, oder die am
meisten diskutierte ist die Gewährleistung der Namensstabilität für beide
Partner einer heterosexuellen Beziehung nach der Hochzeit. Das ist eine
eindeutige Aufwertung der Frau, die nun nicht mehr automatisch mit der Heirat
einen neuen Nachnamen und damit eine neue Familienzugehörigkeit erhält. Es wird
nicht mehr automatisch markiert, dass sie nach der Heirat nicht mehr zur
Familie ihres Vaters, sondern neu zur Familie ihres Mannes, bzw. zur neu
gegründeten Familie mit dem Namen ihres Ehemannes gehört. Der Normalfall, von
dem auf Wunsch hin problemlos abweichen werden kann, ist nun also: Heiratet
eine Frau einen Mann, bleiben beide namentlich Teil ihrer elterlichen (bislang
meist väterlichen) Familie, die Hochzeit bedeutet also auch für die Frau keine
Zäsur in ihrer Identität mehr.
Dies ist definitiv ein Schritt hin
zur Gleichberechtigung, und ich bin darüber sehr erfreut. Warum erinnere ich
mich aber während des Lesens des Artikels und des Diskutierens darüber daran,
wie ich mir in der Primarschule vorgestellt hatte, wie ich dereinst heiraten und
dann spannenderweise anders heissen würde?
Bis heute gefällt mir die Idee eines
neuen Namens, deshalb weil sie die Möglichkeit einer Neuerfindung beinhaltet,
ein altes Label abstreifen, ein neues anprobieren. Ich wurde bei vielen Namen
genannt in meinem Leben, wobei ich bereits im Kindergarten versucht habe, mir
einen neuen Namen zu geben, um cooler zu sein: Ich stellte mich vor als
„Jasmine, aber ihr könnt mich auch Jasskarte nennen“ (oje) J, später in der Primarschule
entstand mein Alter-Ego Liriana, das ich bis heute in literarischen Texten
gerne verwende, doch auch der Versuch, mich so nennen zu lassen, scheiterte. Doch
hatte ich in jeder Schulstufe einen anderen Namen, bei dem ich gerufen wurde.
In der Primarschule war ich Jasme, in der Oberstufe Jasi, in der Kanti dann
Jasmine, dann gibt es Menschen, die mich Jase nennen (ja, tatsächlich) und
einige die mich Heidi nennen (was ich auch sehr toll finde), ausserdem nennt
mich mein Freund bei Kosenamen, genauso meine Mutter, und eigentlich ist
Jasmine gar nicht mein erster Vorname, sondern nur mein Rufname, was des
Öfteren zu Verwirrungen führt, wenn ich beispielsweise beim Zahnarzt nicht mehr
weiss, unter welchem Namen ich registriert bin. So fest wie mein Vorname also
in meinem Pass steht, so fliessend ist seine tatsächliche Verwendung doing name
sozusagen. Somit erscheint es mir als irgendwie selbstverständlich, dass auch
die Idee eines neuen Nachnamens etwas Befreiendes hat, die Idee des
Mich-Umbenennens ist für mich Teil meiner Identität. Erstaunlich dabei ist, wie
diese Empfindung an der „Geschlechtergrenze“ aufzuhören scheint, ich glaube, es
ist etwas spezifisch weibliches, sich in diesem fliessenden Selbstverständnis
der Namens- und Identitätsgebung zu bewegen. Beziehungsweise etwas spezifisch
nicht-cis-gender-männliches, da Transmenschen damit noch in stärkerem Masse
konfrontiert sind oder sein können. Dies begründet sich darin, dass wir
nicht-cis-gender-Männer nie die Standard-Menschen sind, wir lernen, dass wir
uns ständig neu erfinden müssen oder können, es ist bei mir ein wichtiger Teil
meiner Identität, dass ich diese immer mal wieder ein wenig umwandle. Ich
wechsle meine Kleider, meine Frisur, meinen Musikgeschmack, wieso nicht auch
meinen Namen?
Kompliziert wird es allerdings, wenn
in den Kommentarspalten des Tagi online folgende Aussagen in ähnlicher Weise
vielfach zu lesen sind: „Ein weiterer Markstein im Niederreissen des
Status des Mannes.”, “Ja, endlich werden die Männer im Namensrecht
benachteiligt. (…) (Achtung:Ironie).” Warum stösst denn dieses Gesetzt anscheinend viele Männer vor den Kopf?
Es gelten ja nur nun auch für Frauen dieselben Regeln, wie sie für Männer schon
immer galten, es wird ja niemandem etwas weggenommen... Doch viele Männer
scheinen dies als Bedrohung wahrzunehmen, nur schon die Idee eines neuen
Nachnamens nach einer Heirat oder das Nichtweitergebenkönnen des eigenen
Nachnamens an die Kinder scheint ihre männliche Identität zu bedrohen. Er, der
Mann, der Standard-Mensch, will sich nicht neuerfinden müssen, denn er wird
nicht er ist. (Selbstverständlich spreche ich dabei von hegemonialer
Männlichkeit, nicht von „allen individuellen Männern“).
Familienzusammenhalt?
Wieder zurück zu mir und der Frage, weshalb
das mit dem Nachnamen überhaupt ein Thema ist, über das ich nachdenke. Die
Namensfrage scheint sich vor allem dann zu stellen, wenn in eine heterosexuelle
Beziehung/Ehe Kinder geboren werden. Wie sollen denn dereinst die Kinder
heissen, und überhaupt, wäre es nicht hübsch, ich als Mutter, mein Freund als
hypothetischer Ehemann und Vater und unsere hypothetischen Kinder hätten alle
denselben Nachnamen, würde es nicht unseren Familienzusammenhalt stärken, ein
wir-Gefühl herstellen? Ich bin immer mal wieder überrascht, wie diese
traditionalistischen heterosexistischen Ideen von Familien tief in mir drin
sitzen, obwohl ich so etwas im eigenen familiären Hintergrund gar nicht habe.
Ich war immer stolz, dass meine Familie aus Menschen mit verschiedenen Nachnamen
besteht – meine Mutter, deren Lebenspartner, mein Freund, dessen Mutter, sie
alle haben nicht denselben Nachnamen wie ich und gehören doch definitiv zu
meiner Familie.
Und wahrscheinlich ist es genau das
Verletzen dieser heterosexistischen Idee der einzig möglichen Familie als
Vater-Mutter-verheiratet-Kinder, was die Gemüter so erregt; wobei es ja nicht
um das Abschaffen, sondern einzig um das Denken von weiteren Modellen geht, es
geht eben nicht um Diskriminierung, sondern um Entdiskriminierung von
„alternativen“ Modellen. Doch das Durchbrechen von Normen gefährdet stabile
Machtverhältnisse, was niemals ohne Gegenwehr abläuft von der Seite jener,
denen Privilegien entzogen werden; die Tagikommentatoren, die in der neuen
Regelung eine Emanzen-Weltverschwörung sehen, gehören sicherlich zu dieser
Gruppe.
Dennoch ist es eigentlich wirklich
erstaunlich, wie gewisse Normen im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert
sind, und das Denken und Empfinden von Menschen prägen und beeinflussen, die
von jenen verbitterten Tagi-Kommentarschreibern meilenweit entfernt sind, und
dies obwohl diese Normen so längst nicht mehr gelebt werden. Alleinerziehende
Eltern, Paare ohne Kinder (egal welchen Geschlechts und Zivilstandes), gute
Freunde, Mehrgenerationenhaushalte, Homosexuelle Paare mit Kindern, sogenannte
Patchworkfamilien, wie die meinige, und so viele mehr – alles genauso valide
Formen von Familie. Dort wo sich Menschen lieben, solidarisch sind, einander
helfen, dort wo jedes Mitglied eingebunden ist und sich selber sein darf, sind
Nachnamen nicht das Ausschlaggebende für das Zusammengehörigkeitsgefühl.