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Donnerstag, 10. Januar 2013

Lost in Austen : Knutschen mit Bingley und googeln mit Elizabeth Bennet

von Evelyne
Die Bennet-Girls
Es ist eine 4-teilige Miniserie, die Fans von Empirekleidern, höflichen Knicken und galanten Herren begeistern wird. Doch nicht nur die, denn Jane Austens Pride and Prejudice wird in Lost in Austen durch Amanda Price, die sich aus der Gegenwart dorthin verirrt ziemlich durcheinander gebracht. Sie stellt fest: „Hear that sound, George? Duh-uh-uh-uh! That's Jane Austen spinning in her grave like a cat in a tumble-dryer.”

Amanda Price lebt in London der Gegenwart und ist mit ihrem Leben ziemlich unzufrieden, sie sitzt am liebsten auf dem Sofa und liest schmachtend Pride and Prejudice. Da öffnet sich auf einmal eine Tür in ihrem Badezimmer und Elizabeth Bennet steht vor ihr. Die beiden tauschen mehr oder weniger freiwillig die Plätze und so findet sich Amanda plötzlich im 19. Jahrhundert wieder, in einem Buch das im 19. Jahrhundert spielt genauer gesagt.
Amanda trifft Elizabeth Bennet

Sie wird Teil der Geschichte und nichts läuft mehr so, wie es geschrieben steht. Betrunken von Punsch knutscht Amanda Mr. Bingley auf einem Ball, worauf sich dieser angesichts solch ungewöhnlicher Avancen in sie statt in Jane verliebt. Sie wird ihn erst mit der Behauptung wieder los, dass sie auf Frauen stehe. Amanda versucht alles, um die Geschichte wieder ins Lot zu bringen, verspricht gar den garstigen Mr. Collins zu heiraten, der sich gerne in seiner Hosentasche kratzt und dann intensiv an seinen Fingern riecht.

Bei Lost in Austen ist alles ein bisschen übertrieben, aber gerade diese Übertreibung ist grandios. Ein einzelner Mensch aus der Zukunft beeinflusst die ganze Geschichte und das Denken der Figuren. Sie beginnen sich nach einem aufregenderen Leben, das weniger limitiert ist zu sehnen. Wir erfahren auch so einiges über die Figuren, das wir noch nicht wussten. Caroline Bingley macht Amanda Avancen und outet sich als homosexuell. Der durchtriebene Wickham gibt sich zwar als Opportunist, ist jedoch grundanständig und seine Verfehlungen gegen Georgiana unwahr. Mr. Darcy ist durch den Blick einer Frau unserer Zeit noch unerträglicher und arroganter als je zuvor. Allerdings holt Amanda bald das Beste aus ihm raus, schickt ihn in Reminiszenz an Colin Firth in einem weissen Hemd ins Wasser und traut ihren Augen kaum: „I am having a bit of a strange post-modern moment here.“ Mr. Darcy: „Is that agreeable?“ Amanda Price: „Oh, yes. Yes.”

Is that agreeable?
Der phlegmatische Mr. Bennet (gespielt von Hugh Bonneville alias Robert Crawley) wird durch Amanda dazu gebracht endlich einmal zu handeln und sich für seine Familie zu interessieren und Mrs. Bennet und Jane sagen der gehässigen Lady Catherine de Bourgh endlich einmal gründlich die Meinung, als diese sich wieder einmal aufspielen und einmischen will. „I say this. You are a prig, Madam, a pander and a common bully. And you cheat at cards! Do you suppose you may enter my house and brandish your hat at me thus?“
So klingt Mrs. Bennet auf einmal wie Musik in den Ohren und nicht mehr wie die ewig nörgelnde Glucke, als die sie bei Austen erscheint.

Am Ende treffen sich Elizabeth und Amanda wieder im modernen London und machen sich auf zum Haus der Bennets, Liz bestellt und zahlt gleich ein Taxi übers Internet und gesteht, in der falschen Zeit geboren zu sein und sich hier sehr wohl zu fühlen.
Liz hat sich verändert
Am Ende beschliessen beide, nicht mehr in ihr altes Leben zurückzukehren. Amanda traut sich die Geschichte von Pride and Prejudice endgültig zu brechen und entscheidet sich für Darcy.
Elizabeth eröffnet ihrem Vater, dass sie wieder weggehen wird und befürchtet, dass ihre Mutter sehr wütend darüber sein wird. Der Vater meint dazu: “If you go your mother will never see you again but if you don’t then I will never see you again.” (Jane Austen Fans wird dieser Satz bekannt vorkommen.

In Lost in Austen werden aus den Bennet-Girls zwar keine Revoluzzerinnen, sie werden aber durch Amanda dazu gebracht die Werte der Zeit zu hinterfragen. Insbesondere die Männer sind von der seltsam gekleideten und sprechenden Frau verunsichert.
So empfehle ich die Miniserie jeder und jedem, die oder der Jane Austen Verfilmungen liebt, sich dabei jedoch nach mehr Leidenschaft und Sass sehnt.


We have been married nearly 200 years


Freitag, 8. Juni 2012

Das Märchen von der Jungfräulichkeit


















von Jasmine


Ich war gestern Abend im Kino und habe mir den Film Virginity Tales von Mirjam von Arx angeschaut, hier für alle den Trailer:

falls jemand das erste Lied kennt, es läuft mir seit gestern nach, konnte es aber nirgendwo finden.. ? :-)

Also ab hier SPOILER ALERT - für alle jene, die noch nichts über den Inhalt des Films erfahren wollen - nicht weiterlesen! Für alle anderen:

Virginity Tales ist ein Dokumentarfilm, der hauptsächlich die Familie Wilson aus Colorado Springs porträtiert und der erzählt, wie die in den USA sehr bekannten Wilsons das von ihnen initiierte Purity Ball Movement vorantreiben. Bei den Purity Balls handelt es sich um Tanzveranstaltungen, an denen Töchter ihren Vätern ihre Reinheit, sprich sexuelle Enthaltsamkeit, bis zur Ehe versprechen. Die Mädchen tragen weisse Kleider, die Väter geloben, ihre Töchter – auch physisch – zu verteidigen und ihnen zu helfen, bis zur Ehe rein, sprich sexuell enthaltsam zu bleiben; die Väter stecken dann weiter den Mädchen einen Ring an den Finger, der irgendwann einmal durch einen Ehering ersetzt werden wird und zum Schluss wird getanzt – Vater mit Tochter, fast schon als wäre es eine Hochzeit nur eben zwischen Vater und Tochter. Dass dieser Veranstaltung die Idee der Jungfräulichkeit zugrunde liegt, ist etwas für PsychoanalytikerInnen, aber belassen wir’s dabei. Denn sowohl die Wilsons, als auch das von ihnen angestossene Movement liessen sich enorm leicht ins Lächerliche ziehen und es ist dem Film zu Gute zu halten, dass dies nicht geschieht, denn zum (Aus-)Lachen ist die Sache nicht.

Ich habe gestern beim gedanklich Wiederkauen des Gesehenen zwei sich widersprechende Gedanken bemerkt, die sich (unkritisch) in meinem Kopf ein Rededuell lieferten:

1.     die prüden evangelikalen Amerikaner finden neue Wege, die ganz und gar nicht subtile Unterdrückung von Mädchen und Frauen wieder salonfähig zu machen, sie instrumentalisieren das allgemeine Unwohlsein bezüglich der sexualisierten (Pop-)Kultur um Mädchen das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper abzusprechen, Sexualität generell zu verteufeln und Frauen wieder in die Rolle als Heimchen am Herd zurückzudrängen und das macht mir Angst und macht mich wütend.

2.     die gottverdammte (pun intended) 21. Jahrhundert-Orientierungslosigkeit macht mir aber auch Angst. Wenn es nun also Menschen gibt, die für sich eine Lösung gefunden haben, damit umzugehen, dass die Welt so komplex ist, wie sie ist - why not? Sie haben Antworten. Irgendwie beneidenswert und völlig nachvollziehbar. Wer bin ich, dass ich ihnen sagen dürfte, sie machen es falsch?

Heute ist das alles einmal überschlafen, ich habe mir eine amerikanische Talkshow (der Vater Randy Wilson ist auch als Gast zugegen, ab Teil 2 - einfach rechts die Fortsetzungen anklicken) angesehen zum Thema:
 

und dann noch eine Schweizer Radiosendung (dazu später) angehört und ich verstehe jetzt, dass die beiden Gedanken von gestern sich eigentlich gar nicht widersprechen, sie sind einfach zwei Aufnahmen von unterschiedlichen Standpunkten her:
 So sagt auch Jessica Valenti (Mitbegründerin von feministing.org und eine der Stimmen gegen die Purity Balls in den USA - ich bin übrigens ein erklärter Fan von ihr) in der besagten Talkshow: Es ist völlig okay, wenn einzelne Menschen sich entschliessen, keinen Sex zu haben (ab 6.49 min ist sie zu sehen, im 4. Teil um 2.20 min sagt sie obiges Zitat).Und dem stimme ich vollumfänglich zu, das meine ich damit, wenn ich finde, dass jede(r) für sich einen Weg finden soll, sich in der Welt zurechtzufinden und wenn das über Enthaltsamkeit geht, warum nicht, das ist es, was ich nachvollziehbar finde. Denn es ist ihre persönliche Entscheidung ihre Sexualität so zu leben, wie sie dies wollen – in diesem Falle eben nicht (körperlich). Sei das vor der Ehe oder generell oder während der Ehe, oder auch ohne überhaupt an die Ehe zu denken, weil sie das so wollen.

Das Problem ist aber, dass das Umgekehrte im Weltbild der Wilson-Familie im Spezifischen, aber auch der radikalen Enthaltsamkeitsbewegung (in den USA) nicht funktioniert, weil junge Frauen, und wohl etwas weniger aber auch junge Männer, die sich nicht an diese Purity-Regeln halten, eben nicht rein sind, etwas negatives sind, falsch leben. In der Talkshow ist die Rede von gefallenen Frauen, und im Film reagieren die Wilson-Eltern mit Unverständnis auf die Frage, ob sie es akzeptieren würden, wenn ihre Töchter vorehelichen Sex hätten. Denn eine solche Situation scheint gänzlich undenkbar zu sein. Die Wilsons sprechen dann, offensichtlich von der Frage verwirrt zuerst von unconditional love, die sie ihren Töchtern gegenüber bringen würden, dann sagen sie aber auch, dass, wenn die Töchter in Gefahr seien, der Vater seine Töchter „physisch beschützen“ würde, man denkt dabei an sein Schwert, das er immer mal wieder zu rituellen Zwecken zückt. Die Wilsons fordern also Toleranz gegenüber ihrer Vorstellung davon, wie man tugendhaft und richtig lebt, sind aber nicht bereit, diese Toleranz anderen Menschen mit anderen Lebensentwürfen entgegenzubringen.
Ebenso sagt der Vater Randy im Film, dass auch wenn jemand alle guten Taten leistet, wenn er oder sie dies nicht im Namen Jesus’ macht, diese Person trotzdem in die Hölle komme. Was es dann schon sehr schwierig macht, ihn in seinen Überzeugungen ernst zu nehmen und ihm wohlwollend seine Meinung zuzugestehen (da er das umgekehrt absolut gar nicht tut, kein klitzekleines bisschen).

Die Wilson-Kinder sind allesamt homeschooled, das heisst, die Mutter unterrichtet sie – Kreationismus, keine Einmischung der Regierung ins Persönliche, und da sie von Algebra nichts versteht, betet sie, dass das Wissen darum von Gott kommt... Also diese völlige Abschottung von der Aussenwelt, die mangelhafte Ausbildung der Kinder, die empfinde ich auf individueller Ebene als nicht okay, weil so den Kindern die Chance aberkannt wird, selber denken zu lernen, die Welt selber verstehen zu lernen. Es handelt sich bei den Wilsons um ein völlig in sich geschlossenes System, das totalitär funktioniert, der Anführer ist der Vater. Und dieser wird nicht müde zu betonen, dass es der Wunsch der Kinder sei, rein zu bleiben, er unterstütze und begleite nur. Dass die Kinder sich nie selber entscheiden konnten, wird komplett verleugnet. Und seine Führer-Postition zeigt sich deutlich, wenn er die vor ihm knienden Kinder nacheinander segnet, wenn er den Jungen mit einem Schwert zum Krieger schlägt, wenn er den Mädchen eine Mitgifttruhe trümmert, wenn er den zukünftigen Ehemännern seiner Töchter einen Brief schreibt, wenn er die Kinder selbst verheiratet, wenn seine Frau ihn ihren Leader nennt. Die permanente Verleugnung seiner Machtposition ist schwer verdaulich, vor allem verknüpft mit seiner charismatischen, sanften Art habe ich diesen Mann fast nicht ertragen, der seine Söhne und Schwiegersöhne in den Krieg schickt und seinen Töchtern keine Ausbildung zukommen lässt, sodass die älteste Tochter dann irgendwo auf einer Militärbasis sitzt, alleine zu Hause, wartend darauf, bis (und ob überhaupt) ihr Mann wieder zurück kommt.

Und da liegt nun wieder das Problem nicht hauptsächlich bei den Wilsons, sondern in der Tatsache, dass sie nun als Paradebeispiel für eine enorm mächtige Bewegung stehen – die erzkonservativen Rechten, die auf schreckliche Weise Religion mit Krieg verknüpft. Während nämlich die Frauen rein bleiben bis zur Ehe und dann gute Ehe- und Hausfrauen zu sein haben, werden die Männer zu Kriegern erzogen. Der kleine Junge der Wilsons hat es als grosses Ziel auf die Militärschule Westpoint gehen zu können und dem Feind in die Augen blicken zu können, die bereits verheirateten ältesten Töchter sind beides Army Wives, das heisst, ihre Männer kämpfen in den Kriegen, die die USA führen. Zudem ist Randy politisch sehr engagiert, auch wenn er das fadenscheinig bestreitet: „Es geht nicht um Politik, es geht darum, Entscheidungsträger zu beeinflussen.“ Er ist beim Family Research Council tätig, einem politischen Think Tank, der gegen Frauenrechte (gegen Zugang zu medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbrüchen, gegen Zugang zu Verhütungsmitteln, natürlich gegen Sex vor der Ehe), gegen LGBTQ-Rechte (das Hauptengagement ist gegen die sogenannte Gay Agenda, sie vermischen stets Pädophilie mit Homosexualität) kämpft, dafür aber die Todesstrafe befürwortet (so viel zu pro life) und der, ja, ich kann es nicht anders ausdrücken, einen Glaubenskrieg führt/ führen will, gegen jegliche Einmischung des Staates ins Private, für jegliche Einmischung Amerikas in andere Länder, so scheint es.
Hier ein Video, das im Film ebenfalls vorkommt, wo Randy auch involviert ist- den Watchmen on the Wall, eine assoziierte Priestervereinigung, die sich politisch vernetzt:



Und, das muss ich jetzt so ausdrücken, this pisses me off! Die christliche Botschaft instrumentalisieren, um Hass und Krieg und Unterdrückung der Frauen zu propagieren und das noch so verdammt erfolgreich, das finde ich eine äusserst üble und besorgniserregende Sache.

Aber, und das gilt es festzuhalten, diese Bewegung findet ja nicht im luftleeren Raum statt, wie ich bereits angetönt habe und es handelt sich dabei auch nicht um ein Portrait einer US-amerikanischen Freakshow, sondern um eine gesellschaftliche Entwicklung, die auch in meinem Umfeld (was das genau ist, ist ein eigenes Buch wert) spürbar ist. Eine Reaktion auf Haltlosigkeit. Und ich verstehe, wie eine solche Familie und auch wie ein Wissen darum, was gut, was böse ist, eine enorme Stabilität gewährt. Dass Väter mit ihren Kindern etwas unternehmen, ist wunderbar, und die Wärme der Wilsons schien nicht nur gekünstelt. Ich plädiere dafür, dass jeder und jedem das Recht zugestanden wird, den eigenen Weg zu finden, mit Orientierungslosigkeit, mit der Übersexualisierung der Gesellschaft, mit spirituellen/religiösen Fragen umzugehen – ohne Gewalt! Einfach echt ohne Waffen, ohne totalitäre (Familien-)Regimes, ohne die Möglichkeiten der einzelnen Menschen in den Systemen einzuschränken (so weit das möglich ist), ohne Mädchen ihr Recht auf eine Ausbildung und eine eigene Identität, ein eigenes Leben abzusprechen ohne anderen mit Gewalt etwas aufzuzwingen (Stichwort Andersgläubigen, Andersliebenden, Anderslebenden!)

Und nach diesem etwas pathetischen Schluss, aber ich fühle mich im Rahmen dieses Themas wirklich gezwungen, das zu schreiben, auch wenn es eigentlich klar sein sollte, noch der Link zur oben erwähnten Radiosendung von DRS1 – die sich mit dem Mythos Jungfräulichkeit auseinandersetzt:


 Nicht nur im Bezug auf die neue Keuschheitsbewegung, sondern mit Blick auch auf früher, was es z.B. bedeutet hat, wenn im Frauen im Kloster und nicht in einer Ehe lebten, dass es medizinisch eben ein so etwas wie Jungfräulichkeit gar nicht gibt und auch fragt, was denn die Jungfräulichkeit überhaupt beenden (?) kann - nur vaginaler heterosexueller Geschlechtsverkehr? Zudem sprechen drei Menschen zum Thema, wie sie die Frage Jungfräulichkeit für sich geklärt haben und eine Kulturwissenschaftlerin erläutert den Kontext und spricht über ihre Untersuchungen zum Thema. Sehr empfehlenswert!!

Dienstag, 24. April 2012

Die Sache mit den (Familien-)Namen


von Jasmine
 
Ab nächstem Jahr gelten also die Änderungen im Schweizerischen Namens- und Bürgerrecht. Über diese kurze Meldung des Inkraftreten eines parlamentarischen Beschluss berichtete gestern der Tagi online, in kürzester Zeit füllten sich die Kommentarspalten, unterdessen wurden schon über 120 Äusserungen dazu abgegeben. http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Wer-heiratet-behaelt-kuenftig-seinen-Namen/story/25262383
Auch ich empfand den Artikel, beziehungsweise seinen Inhalt, als bedeutsam und teilte ihn gestern auf facebook. Nach einer Diskussion mit meinem Freund und der Idee, wir könnten einfach ab und zu unsere Namen Brangelina-like verschmelzen, liess mich die Frage nicht mehr los, warum denn (Nach-)Namen überhaupt politisch debattiert werden und weshalb die Änderungen im Namensrecht auf eine derartige öffentliche Resonanz stossen.



Namen als Label für soziale Zugehörigkeit

Also wenn mensch sich das mal so überlegt, ist ein Name eigentlich schon etwas Ungeheuerliches – er wird einem bei der Geburt einfach ungefragt gegeben und er bleibt dann meist eine Konstante im eigenen Leben. Namen sind somit in unserem gesellschaftlichen Umfeld eine relevante Grösse für das Schaffen der eigenen Identität, wie dies bei anderen nicht selbst gewählten Attribute wie Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Schichtszugehörigkeit, etc. der Fall ist, in die ein Mensch hineingeboren wird und mit denen sie sich arrangieren muss. Dabei sind Namen gerade auch mit diesen sozialen Kategorien untrennbar verknüpft, weshalb die Debatte über sie auch eine solche politische Sprengkraft hat: So zeugt das Misstrauen, das „fremd klingenden“ Namen von Firmen (deshalb die Idee mit den anonymisierten Lehrstellenbewerbungen) oder in einem konkreten Beispiel der Feuerwehr im Dorf, wo ich aufgewachsen bin, die alle bis 30jährigen jährlich zu einem Treffen aufbieten, ausser „die, mit den Namen, die man gar nicht aussprechen kann“ (Äusserung eines Feuerwehrmitglieds, als er glaubte, unter Gleichgesinnten zu sein) entgegengebracht wird, ohne die damit bezeichnete Person jemals kennengelernt zu haben, zeugen von der Xenophobie, die in der Schweizerischen Gesellschaft tief verwurzelt ist. Schliesslich entstammen auch die altschweizerischen Namen wie Müller, Gerber etc. dem Wunsch nach Abgrenzung, die Wahl von bürgerlichen Berufen als Familiennamen zeugt von der Vererbung gesellschaftlicher Privilegien.
Und schliesslich – dieser Aspekt wird im Zusammenhang mit dem neuen Namensrecht allerorts in einem Atemzug genannt – über die Nachnamen konstituiert sich das Geschlechterverhältnis. Ein neugeborenes Kind muss entweder auf einen eindeutig männlichen oder eindeutig weiblichen Namen getauft werden, wobei dabei vom biologischen Geschlecht des Kindes ausgegangen wird, da das Baby ja noch nicht über seine Geschlechtsidentität verfügt, beziehungsweise darüber Auskunft geben kann (nicht dass Abweichungen von cis-gender-Identitäten überhaupt jemals als Möglichkeit erachtet würden). Und so bin ich also seit dem Tag meiner Geburt auf einen Mädchenvornamen getauft, der so mit allergrösster Wahrscheinlichkeit mein Leben lang in meinem Pass stehen wird. Dieses Gesetztsein meines Vornamens zeugt dabei von meinem sozialen Privileg als cis-gender Inhaberin eines Schweizer Passes – Trans-Menschen und Menschen ohne Papiere haben diese lebenslange staatlich gesicherte Vornamensstabilität nicht (unbedingt). 

Ach, wie gut, dass niemand weiss ...

Namensstabilität als Indikator für soziale Privilegiertheit

Die grosse Neuerung, oder die am meisten diskutierte ist die Gewährleistung der Namensstabilität für beide Partner einer heterosexuellen Beziehung nach der Hochzeit. Das ist eine eindeutige Aufwertung der Frau, die nun nicht mehr automatisch mit der Heirat einen neuen Nachnamen und damit eine neue Familienzugehörigkeit erhält. Es wird nicht mehr automatisch markiert, dass sie nach der Heirat nicht mehr zur Familie ihres Vaters, sondern neu zur Familie ihres Mannes, bzw. zur neu gegründeten Familie mit dem Namen ihres Ehemannes gehört. Der Normalfall, von dem auf Wunsch hin problemlos abweichen werden kann, ist nun also: Heiratet eine Frau einen Mann, bleiben beide namentlich Teil ihrer elterlichen (bislang meist väterlichen) Familie, die Hochzeit bedeutet also auch für die Frau keine Zäsur in ihrer Identität mehr.
Dies ist definitiv ein Schritt hin zur Gleichberechtigung, und ich bin darüber sehr erfreut. Warum erinnere ich mich aber während des Lesens des Artikels und des Diskutierens darüber daran, wie ich mir in der Primarschule vorgestellt hatte, wie ich dereinst heiraten und dann spannenderweise anders heissen würde?
Bis heute gefällt mir die Idee eines neuen Namens, deshalb weil sie die Möglichkeit einer Neuerfindung beinhaltet, ein altes Label abstreifen, ein neues anprobieren. Ich wurde bei vielen Namen genannt in meinem Leben, wobei ich bereits im Kindergarten versucht habe, mir einen neuen Namen zu geben, um cooler zu sein: Ich stellte mich vor als „Jasmine, aber ihr könnt mich auch Jasskarte nennen“ (oje) J, später in der Primarschule entstand mein Alter-Ego Liriana, das ich bis heute in literarischen Texten gerne verwende, doch auch der Versuch, mich so nennen zu lassen, scheiterte. Doch hatte ich in jeder Schulstufe einen anderen Namen, bei dem ich gerufen wurde. In der Primarschule war ich Jasme, in der Oberstufe Jasi, in der Kanti dann Jasmine, dann gibt es Menschen, die mich Jase nennen (ja, tatsächlich) und einige die mich Heidi nennen (was ich auch sehr toll finde), ausserdem nennt mich mein Freund bei Kosenamen, genauso meine Mutter, und eigentlich ist Jasmine gar nicht mein erster Vorname, sondern nur mein Rufname, was des Öfteren zu Verwirrungen führt, wenn ich beispielsweise beim Zahnarzt nicht mehr weiss, unter welchem Namen ich registriert bin. So fest wie mein Vorname also in meinem Pass steht, so fliessend ist seine tatsächliche Verwendung doing name sozusagen. Somit erscheint es mir als irgendwie selbstverständlich, dass auch die Idee eines neuen Nachnamens etwas Befreiendes hat, die Idee des Mich-Umbenennens ist für mich Teil meiner Identität. Erstaunlich dabei ist, wie diese Empfindung an der „Geschlechtergrenze“ aufzuhören scheint, ich glaube, es ist etwas spezifisch weibliches, sich in diesem fliessenden Selbstverständnis der Namens- und Identitätsgebung zu bewegen. Beziehungsweise etwas spezifisch nicht-cis-gender-männliches, da Transmenschen damit noch in stärkerem Masse konfrontiert sind oder sein können. Dies begründet sich darin, dass wir nicht-cis-gender-Männer nie die Standard-Menschen sind, wir lernen, dass wir uns ständig neu erfinden müssen oder können, es ist bei mir ein wichtiger Teil meiner Identität, dass ich diese immer mal wieder ein wenig umwandle. Ich wechsle meine Kleider, meine Frisur, meinen Musikgeschmack, wieso nicht auch meinen Namen?
Kompliziert wird es allerdings, wenn in den Kommentarspalten des Tagi online folgende Aussagen in ähnlicher Weise vielfach zu lesen sind: „Ein weiterer Markstein im Niederreissen des Status des Mannes.”, “Ja, endlich werden die Männer im Namensrecht benachteiligt. (…) (Achtung:Ironie).” Warum stösst denn dieses Gesetzt anscheinend viele Männer vor den Kopf? Es gelten ja nur nun auch für Frauen dieselben Regeln, wie sie für Männer schon immer galten, es wird ja niemandem etwas weggenommen... Doch viele Männer scheinen dies als Bedrohung wahrzunehmen, nur schon die Idee eines neuen Nachnamens nach einer Heirat oder das Nichtweitergebenkönnen des eigenen Nachnamens an die Kinder scheint ihre männliche Identität zu bedrohen. Er, der Mann, der Standard-Mensch, will sich nicht neuerfinden müssen, denn er wird nicht er ist. (Selbstverständlich spreche ich dabei von hegemonialer Männlichkeit, nicht von „allen individuellen Männern“).



Familienzusammenhalt?

Wieder zurück zu mir und der Frage, weshalb das mit dem Nachnamen überhaupt ein Thema ist, über das ich nachdenke. Die Namensfrage scheint sich vor allem dann zu stellen, wenn in eine heterosexuelle Beziehung/Ehe Kinder geboren werden. Wie sollen denn dereinst die Kinder heissen, und überhaupt, wäre es nicht hübsch, ich als Mutter, mein Freund als hypothetischer Ehemann und Vater und unsere hypothetischen Kinder hätten alle denselben Nachnamen, würde es nicht unseren Familienzusammenhalt stärken, ein wir-Gefühl herstellen? Ich bin immer mal wieder überrascht, wie diese traditionalistischen heterosexistischen Ideen von Familien tief in mir drin sitzen, obwohl ich so etwas im eigenen familiären Hintergrund gar nicht habe. Ich war immer stolz, dass meine Familie aus Menschen mit verschiedenen Nachnamen besteht – meine Mutter, deren Lebenspartner, mein Freund, dessen Mutter, sie alle haben nicht denselben Nachnamen wie ich und gehören doch definitiv zu meiner Familie.
Und wahrscheinlich ist es genau das Verletzen dieser heterosexistischen Idee der einzig möglichen Familie als Vater-Mutter-verheiratet-Kinder, was die Gemüter so erregt; wobei es ja nicht um das Abschaffen, sondern einzig um das Denken von weiteren Modellen geht, es geht eben nicht um Diskriminierung, sondern um Entdiskriminierung von „alternativen“ Modellen. Doch das Durchbrechen von Normen gefährdet stabile Machtverhältnisse, was niemals ohne Gegenwehr abläuft von der Seite jener, denen Privilegien entzogen werden; die Tagikommentatoren, die in der neuen Regelung eine Emanzen-Weltverschwörung sehen, gehören sicherlich zu dieser Gruppe.
Dennoch ist es eigentlich wirklich erstaunlich, wie gewisse Normen im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sind, und das Denken und Empfinden von Menschen prägen und beeinflussen, die von jenen verbitterten Tagi-Kommentarschreibern meilenweit entfernt sind, und dies obwohl diese Normen so längst nicht mehr gelebt werden. Alleinerziehende Eltern, Paare ohne Kinder (egal welchen Geschlechts und Zivilstandes), gute Freunde, Mehrgenerationenhaushalte, Homosexuelle Paare mit Kindern, sogenannte Patchworkfamilien, wie die meinige, und so viele mehr – alles genauso valide Formen von Familie. Dort wo sich Menschen lieben, solidarisch sind, einander helfen, dort wo jedes Mitglied eingebunden ist und sich selber sein darf, sind Nachnamen nicht das Ausschlaggebende für das Zusammengehörigkeitsgefühl.