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Dienstag, 27. November 2012

Die exotisch-geheimnisvolle Scheherazade tanzt am Samstag an der ETH

von Jasmine

So, da steht nun schon seit ein paar Wochen eine riesige Wunderlampe vor dem ETH Zentrum Hauptgebäude, denn diesen Samstag findet mal wieder der Polyball statt. Diesmal unter dem wunderbar exotischen Motto:
SCHEHERAZADE - 1000 GESCHICHTEN UND EINE NACHT

Mit Wunderlampe - und ist das im Hintergrund etwa ein Minarett? In Zürich?!

wie auf der Homepage des Polyballs geschrieben steht:
"Wir möchten unsere Gäste in diesem Jahr in den märchenhaften Orient entführen, dort, wo die Grenzen zwischen Geschichte und Wirklichkeit fliessend sind und an jeder Ecke neue Eindrücke und Wunder warten." Aha, so ist das also.
und weiter:
"Denn dieses Jahr warten am Polyball die Geheimnisse des Orients darauf, von Ihnen gelüftet zu werden, die alten Geschichte werden Sie entführen in eine traumhafte, exotische Welt, die zum Tanzen, Feiern und Geniessen einlädt und Sie nicht mehr loslassen wird."

Und wenn der Orient dann schon das Motto des Abends ist, gibt es natürlich auch allerhand lustige orientalische Dinge zu tun. Von exotischen Speisen und Gewürzen, über Alladin und Karawanen, hin zu Ali Baba werden alle Klischees vom lüsternen exotischen Orient abgedeckt. Ja es gab sogar eine Werbeaktion mit Kamelen auf der Polyterasse (ja, ernsthaft!!):


Fast schon erstaunlich, dass nicht noch ein exklusives, geheimnisvolles Harem-Erlebnis für "den Zürcher Studenten" abgeboten wird. Obwohl die Anpreisung des geheimnisvollen Orients an ein "Sie", das als ein europäisches, schweizerisches, studentisches Sie gedacht wird, auch ohne Harem haarsträubend genug ist.
Es gibt da so eine Sache, die heisst Orientalismus, liebe Polyball-OrganisatorInnen. Und das Mystifizieren dieser geografischen Region, die es übrigens sehr real gibt und die kein Märchen ist, ist die eine Seite der Orientalismus-Medallie. Die andere Seite lautet schnell zusammengefasst in etwa folgendermassen: "Die unaufgeklärten Araber unterdrücken ihre Frauen." Es scheint sich bei diesen beiden Dingen nicht um dasselbe zu handeln, tut es aber doch, da über beide Wege - das Zelebrieren des erotischen, exotischen, geheimnisvollen Orient, wie auch über die sogenannte Kopftuchdebatte nicht nur eindeutig ein scheinbar homogener Raum geschaffen wird, der nicht hier ist, sondern dieser auch abgewertet wird. Denn auf diesen Raum lässt sich bequem alles hier (sprich im "Westen" oder in Europa) Unerwünschte projizieren: Er, der andere Ort, der Orient, ist nicht nach Regeln des rationalen Denkens (wie gerade die ETH dies ja bestimmt von sich behauptet) strukturiert, sondern konstituert sich über "niedere Triebe". Der gewalttätige "arabische" Mann auf der einen Seite, der (im Gegensatz zum "westlichen" Mann) seine Frau unterdrückt; die verführerische "arabische" Frau auf der anderen Seite (die sich gerne dem "westlichen" Mann und seinen heimlichen Begierden annimmt).
Womit wir bei Scheherazade wären. Sie ist die Frau, die in der Märchensammlung "Tausendundeine Nacht" als Erzählerin der einzelnen Geschichten auftritt. Sie erzählt die Geschichten um zu überleben, denn der von seiner Frau betrogene König lässt Scheherazade nur deshalb nicht nach der Hochzeitsnacht umbringen, wie viele Frauen vorher, weil sie eben so gut erzählen kann. Und das macht sie dann 1001 Nacht lang, wonach der König sich entschliesst, sie nun nicht mehr zu töten, weil sie ihn davon überzeugen konnte, dass Frauen klug und treu sein können (wenn sie es nicht sind, gehören sie ermordet). Und an dieser Stelle kommt mein Lesetipp - ein echt verdammt gutes Buch, das den bezeichnenden Titel "I Killed Scheherazade. Confessions of an Angry Arab Woman." trägt. Geschrieben von der libanesischen Schriftstellerin Joumana Haddad.

Buchcover

"Dear Westerner" schreibt sie und richtet dieses Buch direkt an die Leserschaft aus dem Westen und rechnet fulminant mit den Fremdzuschreibungen ab, die ihr als "arabische Frau" zugeschrieben werden: "I am not interesting because I am 'Arab'. I am not interesting beacause I am an 'Arab woman'. I am not interesting because I am an 'Arab woman writer'. (What a disastrous classification, especially for a label-phobic like me.)" Sie erzählt ganz im Sinne von das Persönliche ist Politisch ihre persönliche Geschichte und schreitet im letzen Kapitel zur Tat - zur Ermordung von Scheherazade, da der Mythos um sie verletzend und einschränkend ist.
Ich lasse euch gleich einen Teil dieses letzen Kapitels lesen (weil's so schön und gut ist), vorher aber nochmals zurück zu den PolyballorganisatorInnen: Nächstes Mal vielleicht überlegen, ob das-so-tun-als-wären-wir-zu-Besuch-in-einem-fremden-"Land" wirklich so eine gute Idee ist. Und ich kann euch die Antwort gerade geben: Nein. Bitte nächstes Mal nur ein klitzekleines Bisschen mehr Feingefühl und Reflexionswillen an den Tag legen. Ich meinerseits verkleide mich am Samstag Abend jedenfalls nicht als Jasmine, um mit Alladin auf seinem fliegenden Teppich Wasserpfeife zu rauchen. Und alle die das Lesen: Das besagte Buch ist eine sehr gute Alternative!

Und hier also das versprochende Zitat von Joumana Haddad:
"I've never been a big fan of Scheherazade. (...) You see, Scheherazade is constantly celebrated in our culture as an educated woman who was resourceful, and imaginative, and intelligent enough to save herself from death by bribing 'the man' with her endless stories. But I've never really liked this 'bribing the man' scheme. For one thing, I believe it sends women the wrong message: 'Persuade men, give them the things that you have and they want, and they'll spare you.' Correct me if I'm wrong, but it seems obvious that this method puts the man in the omnipotent position, and the woman in the compromising, inferior one. It does not teach women resistance and rebellion, as implied when the character of Scheherazade is discussed and analysed. It rather theaches them concession and negotiation over their basic RIGHTS. It persuades them that pleasing the man, wheter by a story, or a nice meal, or a pair of silicone tits, or a good fuck, or whatever, is the way to make it in life.
And this is considered inventiveness?
And this is considered resistance?
Call me short-sighted, but I don't think so.

I've never been a big fan of Scheherazade - who, to make matters worse, is nauseatingly cherished by the Orientalists - even though I really loved reading and re-reading The Arabian Nights. Her character, I am convinced, is a conspiracy against Arab women in particular and women in general. Obviously, the poor lady did what she had to do. I am not judging her for that. In fact, I might have very well done the same, had I been in her delicate position. I've just had enough of people (especially in the West, but in the Arab world as well) turning her into a heroine, the symbol of Arab cultural female opposition and struggle against men's injustice, cruelty and discrimination. She's just a sweet gal with a huge imagination and good negotiation skills. Things simply needed to be put into their right perspective.
Thus, I killed her."

Freitag, 8. Juni 2012

Das Märchen von der Jungfräulichkeit


















von Jasmine


Ich war gestern Abend im Kino und habe mir den Film Virginity Tales von Mirjam von Arx angeschaut, hier für alle den Trailer:

falls jemand das erste Lied kennt, es läuft mir seit gestern nach, konnte es aber nirgendwo finden.. ? :-)

Also ab hier SPOILER ALERT - für alle jene, die noch nichts über den Inhalt des Films erfahren wollen - nicht weiterlesen! Für alle anderen:

Virginity Tales ist ein Dokumentarfilm, der hauptsächlich die Familie Wilson aus Colorado Springs porträtiert und der erzählt, wie die in den USA sehr bekannten Wilsons das von ihnen initiierte Purity Ball Movement vorantreiben. Bei den Purity Balls handelt es sich um Tanzveranstaltungen, an denen Töchter ihren Vätern ihre Reinheit, sprich sexuelle Enthaltsamkeit, bis zur Ehe versprechen. Die Mädchen tragen weisse Kleider, die Väter geloben, ihre Töchter – auch physisch – zu verteidigen und ihnen zu helfen, bis zur Ehe rein, sprich sexuell enthaltsam zu bleiben; die Väter stecken dann weiter den Mädchen einen Ring an den Finger, der irgendwann einmal durch einen Ehering ersetzt werden wird und zum Schluss wird getanzt – Vater mit Tochter, fast schon als wäre es eine Hochzeit nur eben zwischen Vater und Tochter. Dass dieser Veranstaltung die Idee der Jungfräulichkeit zugrunde liegt, ist etwas für PsychoanalytikerInnen, aber belassen wir’s dabei. Denn sowohl die Wilsons, als auch das von ihnen angestossene Movement liessen sich enorm leicht ins Lächerliche ziehen und es ist dem Film zu Gute zu halten, dass dies nicht geschieht, denn zum (Aus-)Lachen ist die Sache nicht.

Ich habe gestern beim gedanklich Wiederkauen des Gesehenen zwei sich widersprechende Gedanken bemerkt, die sich (unkritisch) in meinem Kopf ein Rededuell lieferten:

1.     die prüden evangelikalen Amerikaner finden neue Wege, die ganz und gar nicht subtile Unterdrückung von Mädchen und Frauen wieder salonfähig zu machen, sie instrumentalisieren das allgemeine Unwohlsein bezüglich der sexualisierten (Pop-)Kultur um Mädchen das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper abzusprechen, Sexualität generell zu verteufeln und Frauen wieder in die Rolle als Heimchen am Herd zurückzudrängen und das macht mir Angst und macht mich wütend.

2.     die gottverdammte (pun intended) 21. Jahrhundert-Orientierungslosigkeit macht mir aber auch Angst. Wenn es nun also Menschen gibt, die für sich eine Lösung gefunden haben, damit umzugehen, dass die Welt so komplex ist, wie sie ist - why not? Sie haben Antworten. Irgendwie beneidenswert und völlig nachvollziehbar. Wer bin ich, dass ich ihnen sagen dürfte, sie machen es falsch?

Heute ist das alles einmal überschlafen, ich habe mir eine amerikanische Talkshow (der Vater Randy Wilson ist auch als Gast zugegen, ab Teil 2 - einfach rechts die Fortsetzungen anklicken) angesehen zum Thema:
 

und dann noch eine Schweizer Radiosendung (dazu später) angehört und ich verstehe jetzt, dass die beiden Gedanken von gestern sich eigentlich gar nicht widersprechen, sie sind einfach zwei Aufnahmen von unterschiedlichen Standpunkten her:
 So sagt auch Jessica Valenti (Mitbegründerin von feministing.org und eine der Stimmen gegen die Purity Balls in den USA - ich bin übrigens ein erklärter Fan von ihr) in der besagten Talkshow: Es ist völlig okay, wenn einzelne Menschen sich entschliessen, keinen Sex zu haben (ab 6.49 min ist sie zu sehen, im 4. Teil um 2.20 min sagt sie obiges Zitat).Und dem stimme ich vollumfänglich zu, das meine ich damit, wenn ich finde, dass jede(r) für sich einen Weg finden soll, sich in der Welt zurechtzufinden und wenn das über Enthaltsamkeit geht, warum nicht, das ist es, was ich nachvollziehbar finde. Denn es ist ihre persönliche Entscheidung ihre Sexualität so zu leben, wie sie dies wollen – in diesem Falle eben nicht (körperlich). Sei das vor der Ehe oder generell oder während der Ehe, oder auch ohne überhaupt an die Ehe zu denken, weil sie das so wollen.

Das Problem ist aber, dass das Umgekehrte im Weltbild der Wilson-Familie im Spezifischen, aber auch der radikalen Enthaltsamkeitsbewegung (in den USA) nicht funktioniert, weil junge Frauen, und wohl etwas weniger aber auch junge Männer, die sich nicht an diese Purity-Regeln halten, eben nicht rein sind, etwas negatives sind, falsch leben. In der Talkshow ist die Rede von gefallenen Frauen, und im Film reagieren die Wilson-Eltern mit Unverständnis auf die Frage, ob sie es akzeptieren würden, wenn ihre Töchter vorehelichen Sex hätten. Denn eine solche Situation scheint gänzlich undenkbar zu sein. Die Wilsons sprechen dann, offensichtlich von der Frage verwirrt zuerst von unconditional love, die sie ihren Töchtern gegenüber bringen würden, dann sagen sie aber auch, dass, wenn die Töchter in Gefahr seien, der Vater seine Töchter „physisch beschützen“ würde, man denkt dabei an sein Schwert, das er immer mal wieder zu rituellen Zwecken zückt. Die Wilsons fordern also Toleranz gegenüber ihrer Vorstellung davon, wie man tugendhaft und richtig lebt, sind aber nicht bereit, diese Toleranz anderen Menschen mit anderen Lebensentwürfen entgegenzubringen.
Ebenso sagt der Vater Randy im Film, dass auch wenn jemand alle guten Taten leistet, wenn er oder sie dies nicht im Namen Jesus’ macht, diese Person trotzdem in die Hölle komme. Was es dann schon sehr schwierig macht, ihn in seinen Überzeugungen ernst zu nehmen und ihm wohlwollend seine Meinung zuzugestehen (da er das umgekehrt absolut gar nicht tut, kein klitzekleines bisschen).

Die Wilson-Kinder sind allesamt homeschooled, das heisst, die Mutter unterrichtet sie – Kreationismus, keine Einmischung der Regierung ins Persönliche, und da sie von Algebra nichts versteht, betet sie, dass das Wissen darum von Gott kommt... Also diese völlige Abschottung von der Aussenwelt, die mangelhafte Ausbildung der Kinder, die empfinde ich auf individueller Ebene als nicht okay, weil so den Kindern die Chance aberkannt wird, selber denken zu lernen, die Welt selber verstehen zu lernen. Es handelt sich bei den Wilsons um ein völlig in sich geschlossenes System, das totalitär funktioniert, der Anführer ist der Vater. Und dieser wird nicht müde zu betonen, dass es der Wunsch der Kinder sei, rein zu bleiben, er unterstütze und begleite nur. Dass die Kinder sich nie selber entscheiden konnten, wird komplett verleugnet. Und seine Führer-Postition zeigt sich deutlich, wenn er die vor ihm knienden Kinder nacheinander segnet, wenn er den Jungen mit einem Schwert zum Krieger schlägt, wenn er den Mädchen eine Mitgifttruhe trümmert, wenn er den zukünftigen Ehemännern seiner Töchter einen Brief schreibt, wenn er die Kinder selbst verheiratet, wenn seine Frau ihn ihren Leader nennt. Die permanente Verleugnung seiner Machtposition ist schwer verdaulich, vor allem verknüpft mit seiner charismatischen, sanften Art habe ich diesen Mann fast nicht ertragen, der seine Söhne und Schwiegersöhne in den Krieg schickt und seinen Töchtern keine Ausbildung zukommen lässt, sodass die älteste Tochter dann irgendwo auf einer Militärbasis sitzt, alleine zu Hause, wartend darauf, bis (und ob überhaupt) ihr Mann wieder zurück kommt.

Und da liegt nun wieder das Problem nicht hauptsächlich bei den Wilsons, sondern in der Tatsache, dass sie nun als Paradebeispiel für eine enorm mächtige Bewegung stehen – die erzkonservativen Rechten, die auf schreckliche Weise Religion mit Krieg verknüpft. Während nämlich die Frauen rein bleiben bis zur Ehe und dann gute Ehe- und Hausfrauen zu sein haben, werden die Männer zu Kriegern erzogen. Der kleine Junge der Wilsons hat es als grosses Ziel auf die Militärschule Westpoint gehen zu können und dem Feind in die Augen blicken zu können, die bereits verheirateten ältesten Töchter sind beides Army Wives, das heisst, ihre Männer kämpfen in den Kriegen, die die USA führen. Zudem ist Randy politisch sehr engagiert, auch wenn er das fadenscheinig bestreitet: „Es geht nicht um Politik, es geht darum, Entscheidungsträger zu beeinflussen.“ Er ist beim Family Research Council tätig, einem politischen Think Tank, der gegen Frauenrechte (gegen Zugang zu medizinisch sicheren Schwangerschaftsabbrüchen, gegen Zugang zu Verhütungsmitteln, natürlich gegen Sex vor der Ehe), gegen LGBTQ-Rechte (das Hauptengagement ist gegen die sogenannte Gay Agenda, sie vermischen stets Pädophilie mit Homosexualität) kämpft, dafür aber die Todesstrafe befürwortet (so viel zu pro life) und der, ja, ich kann es nicht anders ausdrücken, einen Glaubenskrieg führt/ führen will, gegen jegliche Einmischung des Staates ins Private, für jegliche Einmischung Amerikas in andere Länder, so scheint es.
Hier ein Video, das im Film ebenfalls vorkommt, wo Randy auch involviert ist- den Watchmen on the Wall, eine assoziierte Priestervereinigung, die sich politisch vernetzt:



Und, das muss ich jetzt so ausdrücken, this pisses me off! Die christliche Botschaft instrumentalisieren, um Hass und Krieg und Unterdrückung der Frauen zu propagieren und das noch so verdammt erfolgreich, das finde ich eine äusserst üble und besorgniserregende Sache.

Aber, und das gilt es festzuhalten, diese Bewegung findet ja nicht im luftleeren Raum statt, wie ich bereits angetönt habe und es handelt sich dabei auch nicht um ein Portrait einer US-amerikanischen Freakshow, sondern um eine gesellschaftliche Entwicklung, die auch in meinem Umfeld (was das genau ist, ist ein eigenes Buch wert) spürbar ist. Eine Reaktion auf Haltlosigkeit. Und ich verstehe, wie eine solche Familie und auch wie ein Wissen darum, was gut, was böse ist, eine enorme Stabilität gewährt. Dass Väter mit ihren Kindern etwas unternehmen, ist wunderbar, und die Wärme der Wilsons schien nicht nur gekünstelt. Ich plädiere dafür, dass jeder und jedem das Recht zugestanden wird, den eigenen Weg zu finden, mit Orientierungslosigkeit, mit der Übersexualisierung der Gesellschaft, mit spirituellen/religiösen Fragen umzugehen – ohne Gewalt! Einfach echt ohne Waffen, ohne totalitäre (Familien-)Regimes, ohne die Möglichkeiten der einzelnen Menschen in den Systemen einzuschränken (so weit das möglich ist), ohne Mädchen ihr Recht auf eine Ausbildung und eine eigene Identität, ein eigenes Leben abzusprechen ohne anderen mit Gewalt etwas aufzuzwingen (Stichwort Andersgläubigen, Andersliebenden, Anderslebenden!)

Und nach diesem etwas pathetischen Schluss, aber ich fühle mich im Rahmen dieses Themas wirklich gezwungen, das zu schreiben, auch wenn es eigentlich klar sein sollte, noch der Link zur oben erwähnten Radiosendung von DRS1 – die sich mit dem Mythos Jungfräulichkeit auseinandersetzt:


 Nicht nur im Bezug auf die neue Keuschheitsbewegung, sondern mit Blick auch auf früher, was es z.B. bedeutet hat, wenn im Frauen im Kloster und nicht in einer Ehe lebten, dass es medizinisch eben ein so etwas wie Jungfräulichkeit gar nicht gibt und auch fragt, was denn die Jungfräulichkeit überhaupt beenden (?) kann - nur vaginaler heterosexueller Geschlechtsverkehr? Zudem sprechen drei Menschen zum Thema, wie sie die Frage Jungfräulichkeit für sich geklärt haben und eine Kulturwissenschaftlerin erläutert den Kontext und spricht über ihre Untersuchungen zum Thema. Sehr empfehlenswert!!

Montag, 27. Februar 2012

Armer George

Tja leider ging der gute Nespresso-Werbeträger leer aus, armer George. Das einzige goldene was er mit nach Hause nehmen durfte war seine Freundin Stacy Keibler (jaja im goldenen Kleid). Etwas? Naja immerhin... Bildergalerie red carpet

Donnerstag, 26. Januar 2012

Traumfrau aller Serienmacher: jung, sexy, zu Tode gequält

von Jasmine

So, die zweite Frau mit Qualitätsgarantie meldet sich auch einmal zu Wort, hallo liebes Internet. Ich wollte mir eben, nach einem anstrengenden Tag (ROSA-Layoutwochen-Tag), gemütlich eine Serie anschauen, doch es erging mir wie schon gestern und jetzt bin ich genervt! Warum muss in allen Krimiserien immer so enorm lustvoll Gewalt an Frauen zelebriert werden?!

Gestern hab ich mir den Tatort angesehen, da gings um Mädchen, die von einem Sadisten über Jahre gefangengehalten und völlig psychisch gebrochen wurden. Schon mal eine hübsche Geschichte, die ich so noch gar nie gehört habe (ironie off). Und auch die Inszenierung war grauenhaft, die Musik und die Bilder liessen keinen Zweifel daran, dass diese äusserste Verzweiflung der jungen Frauen zwar GRAUENHAFT ist, aber dennoch äusserst spannend. Die Zuschauerin wird in die Rolle des Voyeurs gedrängt, die gänzlich anders funktioniert, als dies beispielsweise in Pasolinis Film "120 Tage von Sodom" der Fall ist. In Pasolinis Film wird zwar jede erdenkliche Folter an jugendlichen Körpern durchgeführt und die Zuschaurinnenposition ist auch klar jene der unbeteiligten Voyeurin, aber es geschieht nie, dass mensch sich fühlt, als könnte mensch dieses grausige Spektakel zurückgelehnt geniessen. Vielmehr schafft es Pasolini, dass sich die Zuschauerin ständig ihrer schrecklichen Rolle im Ganzen bewusst ist "ich schaue da zu, ich mache nichts, ich schaue noch nicht einmal weg!". Beim Tatort jedoch wird die Folter jedoch eher als etwas Prickelnd-Aufregendes inszeniert, dem ich als Zuschauerin ruhig zuschauen kann und mich sowohl entsetzen als auch daran aufgeilen kann, wie diesen Mädchen ihre Unschuld weggefoltert wird. Dies sind zwei Screenshots vom Tatort dieser Woche:
So habe ich also heute gedacht, ich schau mir eine etwas magischere Serie an: Grimm, die seit ein paar Wochen in den USA angelaufen ist. Der Hauptdarsteller ist Polizist und ein Nachfahre der Brüder Grimm und erkennt Fabelwesen, die für "normale" Menschen ebenfalls wie solche aussehen. Ich wollte mir die vierte Folge mit dem Titel "Lonelyhearts" anschauen. Schon in der ersten Szene läuft eine halbnackte Frau schreiend durch die Nacht und wird schliesslich von einem Mann mit schwarzem Mantel auf einer Brücke umgebracht, indem er ihr Mund und Nase zuhält, bis sie erstickt. So weit so normal, irgendwie fangen Krimiserien halt an. (Auch wenn die Szene mit umgekehrten Geschlechterrollen kaum denkbar ist). Aber ich bin mich ja gewohnt, dass es meistens junge Weisse weibliche Mordopfer sind, habe also den üblichen "das ist halt so, suck it up, sonst kannst du fast gar keine Fernsehserien schauen, hoffentlich ist dafür die Geschichte gut"-Schalter umgelegt und zugeschaut, wie die beiden Polizisten den gewalttätigen Mann der Ermordeten aufsuchen, der traurig und eigentlich gar nicht so ein bad guy ist und sicherlich nicht der Mörder. Na gut. *leerschluck* weiter geht's. Die Spur führt die Polizisten in ein Bed&Breakfast, das von einer Fabelgestalt geleitet wird. Grimm findet heraus, dass es sich dabei um ein "Ziegenvolk" handelt, also um einen narzisstischen Vergewaltiger, wie erklärt wird. Nur dass das nicht so gesagt wird sondern so: "They are lovers, not fighters. They like to have a lot of females hanging off their every word. And not excactly the monogamous type, you know. They live for the rut. Picking out their females, you know - for breeding (...)", ab min 16:
ach so, sie wollen also ihr Erbgut verteilen. Ein Volk bestehend aus Vergewaltigern - die Opfer sind mal wieder junge hübsche, unschuldige Menschen-Mädchen... Dann erfährt mensch, dass dort wo die Polizisten ermitteln auffällig viele Frauen verschwunden seien in letzter Zeit und man sieht diese Einstellung:
und dann hatte ich einfach keinen Bock mehr. Hab noch etwas vorgespult, nur um zu sehen, wie die Frauen in den Käfigen irgendwann als sexy Opfer dargestellt würden, wurden sie dann auch, aber das erspar ich euch jetzt.

Mensch kann sich's leider vorstellen, sind wir doch alle andauernd von solchen Bildern umgeben. Junge, hübsche, blonde, unschuldige Engelchen zerstört, gefoltert, getötet. Wie sexy! Dieser Stereotyp ist zum einen rassistisch, spielt er doch auf das Konstrukt der hilflosen, reinen Weissen Frau ab nicht-Weissen Frauen wird diese Unschuld und Reinheit nicht zugeschrieben, sie sind viel seltener als Opfer und öfter als gewaltbereite Monster anzutreffen (siehe z.B. Kanye Wests Video "Moster" oder noch besser: http://feministing.com/2011/01/13/im-so-done-defending-kanye/). Es ist zudem eine sexistische Gewaltphantasie. Denn dieses als hilflos und rein konstruerite Wesen wird daraufhin von einem Mann mittels (sexueller) Gewalt ihrer Unschuld und Reinheit beraubt. Die männlichen Polizisten spielen dabei die "guten Männer", die schliesslich die armen Opfer aus den Fängen der "bösen Männer" befreien. Die "bösen Männer" wurden übrigens sowohl im Tatort als auch bei der Grimm-Folge als effeminiert dargestellt, womit auch noch die bislang noch fehlende Prise Homophie hineingestreut wird. Letzlich ist der "männliche Mann" der Retter des weiblichen Opfers. Das ist dann mal ein perfektes Beispiel, um den male gaze im Mainstream Fernsehen aufzuzeigen, denn die einzigen, deren Selbstbild in solchen Darstellungen positiv dargestellt wird sind Weisse, heterosexuelle Männer.

Dazu noch zwei Lesetipps:

tv trope:
http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/MaleGaze

(ist schon etwas länger her, als ich's gelesen hab, habs aber in guter Erinnerung):
http://www.genderforum.org/print/issues/face-to-race/male-gaze-and-racism/


Ich verzichte für heute auf Serien und gehe in meinem wunderbar tollen Buch "Dawn" von Octavia Butler weiterlesen. Dazu gibts dann irgendwann einen eigenen (bedeutend glücklicher machenderen) Blogeintrag.